von Fans für Fans

Waltz with Bashir

"How do you know there were 26 dogs, and not 30?"

von The_Coma-man
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Zu WALTZ WITH BASHIR kann und sollte man nicht viel schreiben.

Ein Dokumentarfilm, der seine Wucht sowohl durch die Erzählungen der Charaktere, wie durch die großartigen, animierten Bilder gewinnt, poetische Szenen wechseln sich mit schwarzem Humor und schockierender Härte ab. Die zentrale Frage des Filmes, wie man mit dem Trauma des Krieges umgeht, wird einem ausschweifend erläutert, die Bilder, die die Protagonisten in den Schlaf verfolgen, werden auch den Zuschauern lange nicht aus dem Kopf gehen.

Es bleibt nur, einen der ersten Sätze aus WAKING LIFE zu zitieren: "Dreaming is Destiny".

Nach den letzten Bildern des Films kann dann auch nur Stille kommen!
The_Coma-man
sah diesen Film im Cinemaxx 7, Berlin

18.08.2008, 12:46


Atemberaubender Walzer

von kao
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Ganz ehrlich, als autobiographischer Antikriegsfilm ist "Waltz With Bashir" thematisch eigentlich kein typischer FFF-Streifen, aber was für ein Glück, dass er diesen Jahr dabei war!

Der Film begleitet den Regisseur und Protagonisten Ari Folman auf der Suche nach lang verdrängten Erinnerungen an seine Erlebnisse im ersten Libanon-Krieg und erzählt die Geschichte anhand von Zeitzeugen-Interviews, dokumentarischen Rekonstruktionen und Traumsequenzen. Die Darstellung wirkt aber keinesfalls gestückelt, vielmehr fügen sich alle Elemente nahtlos zu einer fließenden Komposition zusammen.

Die Animation verstärkt diesen Eindruck umso mehr, indem sie dem Film einen einheitlichen Stil verleiht. Es ist eine außerordentlich gelungene Verschmelzung aus Zeichnung, Computer-Animation und Foto-Elementen, die niemals gekünstelt wirkt, sondern in plakativen und eindringlichen Bildern den Zuschauer vom ersten Moment an in ihren Bann zieht. Tatsächlichen wirken die Untertitel darin fast störend, man wünscht sich förmlich hebräisch zu sprechen, um die Bilder besser genießen zu können.

Auch die Film-Musik ist sehr gelungen. Oft untermalt stimmungsvoller Synthesizer die beklemmenden Kriegs-Szenen, dann verleiht klassische Klaviermusik anderen Sequenzen einen geradezu surrealen Touch. Immer wieder tauchen auch bekannte Song-Melodien der 80er auf, die Erinnerungen an das eigene Erleben jener Zeit wecken und so eine emotionale Brücke zu den jungen Soldaten im Film schlagen.

In dieser perfekten Synthese aus Story, Animation und Musik versetzt der Film den Zuschauer förmlich direkt in die Geschehnisse des Nahen Ostens, zeigt den Krieg mal aus entrückter Distanz, dann wieder als hautnahes Erlebnis, und führt unausweichlich zum erschreckenden Ende, das den Kinosaal in beklommenem Schweigen verharren lässt.

Fazit: "Waltz with Bashir" ist ein handwerkliches und erzählerisches Meisterwerk, wie man es selten zu sehen bekommt. Der Film hält nicht nur, was der eindrückliche Trailer verspricht, sondern geht noch weit darüber hinaus. Daher 10 von 10 Sternen, ohne jeden Abstrich.
kao
sah diesen Film im Cinemaxx 7, Berlin

18.08.2008, 13:20


Das Centerpiece!

von Christian
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Let The Right One In war ein filmisches Erlebnis, aber irgendwie doch ein passender Fantasy Film. Waltz with Bashir hingegen sticht völlig aus dem Programm heraus und ist meiner Meinung nach das eigentliche Centerpiece des Festivals. Die Ansetzung unmittelbar vor dem Abschlußfilm in Hamburg fand ich auch nicht gerade glücklich, denn die Wirkung des Films ist so heftig, dass man so gar nicht recht in Feierstimmung sein kann...

Waltz With Bahir ist ein Dokumentarfilm. Ein Umstand, der mir zu Beginn, insbesondere auch wegen der filmischen Umsetzung, gar nicht richtig klar ist. Es dauert aber nur ein paar Augenblicke und man findet sich in den Bildern und Farben zurecht, hineingezogen in eine für mich fremde Welt.

Wir sind stille Beobachter. Begleiten Ari bei der Aufarbeitung seines Kriegstraumas. Puzzlestück für Puzzlestück wird zusammengesetzt, um am Ende ein furchtbares Bild zu erkennen.

Ari, vielleicht ein paar Jahre älter als ich, mit der gleichen Musik aufgewachsen und dennoch verbinden ihn ganz andere Bilder damit. Kaum zu ertragen. Auch die Gegensätze zwischen süsslicher Musik, Bildern und Texten in einigen Passagen sind extrem. Waren das alte Kriegslieder? Keine Ahnung, aber sie verfehlen ihre Wirkung nicht.

Die Thema Verdrängung/ Verarbeitung von Kriegserlebnissen ist zwar nicht neu, lässt einen aber daran erinnern bei der Vielzahl an Kriegen wie viele Traumatisierte es unter uns gibt. Jeden Alters in allen Erdteilen.

Herausragend!

Stille.
Christian
sah diesen Film im Cinemaxx 1, Hamburg

21.08.2008, 18:07


Warum habe ich vergessen, dass ich im Krieg war?

von GeorgeKaplan
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Da sitzt man im Kino, sowohl geografisch als auch zeitlich weit weg vom Bürgerkrieg im Libanon der 80er Jahre, und ist total berührt.

Libanon? Ja, da war mal was. Ist lange her. Kann mich auch noch an einen Human League Song "From the Lebanon" erinnern, den wir damals mitgesummt haben, ohne zu begreifen, worum es eigentlich ging. Und jetzt, über 20 Jahre danach, macht mich der Film mit einem Massaker vertraut. Ein Massaker, dass die Gut/Böse-Matrix des Herrn Dabbelju ad absurdum führt, weil es von Christen an Muslimen begangen wurde, während jüdische Soldaten entweder wegschauten oder sogar noch Hilfestellung gaben.

Da sitze ich also, in einer Zeitreise, sehe Soldaten zu "Enola Gay" von OMD tanzen und im Meer baden, sehe Heckenschützen, Autobomben und Kampfjets ein friedliches Land mit drei Religionen in Schutt und Asche legen, sehe zu, wie ein Regisseur seine eigene Erinnerung mit Hilfe seiner Freunde wieder hervorkramt. Und merke nicht mal, dass der Film gezeichnet ist. Endgültig mit den Tränen muss ich bei dem wunderbaren Klavierstück von Bach oder bei dem langen Solostreicherstück von Max Richter kämpfen, die sehr wirkungsvoll die Wucht der Bilder unterstreichen.

Ein sensationeller Film. Nicht mehr, nicht weniger.
GeorgeKaplan
sah diesen Film im Cinedom 9, Köln

25.08.2008, 20:52


Der Krieg und die Psychologie des Erinnerns

von Fitzcarraldo
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Wie kann man einen Krieg vergessen, in dem man selbst gekämpft hat? Dieser Frage geht Ari Folman in seinem Animationsfilm "Waltz with Bashir" nach. Als Regisseur und zugleich Hauptfigur des Films begibt er sich auf eine Reise in die eigene Vergangenheit, die ihn zu seinem Kampfeinsatz während des israelischen Libanon-Feldzugs im Jahr 1982 zurückführt. Da er an jene Zeit keinerlei Erinnerung hat, versucht er mit Unterstützung seiner einstigen Weggefährten zu rekonstruieren, was damals geschehen ist und welche Rolle er während der Belagerung von Beirut gespielt hat.

"Waltz with Bashir" ist ein Film über die psychischen Langzeit-Folgen des Krieges. Er handelt von verdrängten Erinnerungen, von Schuldgefühlen und von den Narben, die die Extremsituation Krieg auf der menschlichen Seele hinterläßt. Dabei verzichtet er auf belehrenden Tonfall, moralische Zeigefinger und Betroffenheitsfloskeln. Stattdessen erlebt der Zuschauer eine spannende Mischung aus Autobiographie, Psycho-Drama und dokumentarischem Geschichtsfilm - grandios gezeichnet, eindringlich erzählt, mit einem wunderbaren Soundtrack unterlegt und fesselnd von der ersten bis zur letzten Minute.

Ari Folman hat einen großartigen, einen bewegenden Film erschaffen. Einen Film, der lange nachwirkt. In meinen Augen ein Meisterwerk!
Fitzcarraldo
sah diesen Film im Cinedom 9, Köln

27.08.2008, 11:14


Der Krieg in deinem Kopf

von D.S.
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Ganz sicher ein Highlight und sogar ein Pflichtfilm des FFF08 - aber auch ein Film von der Sorte "der ist hier eigentlich fehl am Platz". Womit ich ihn ganz sicher nicht abwerten will. Aber in einem Umfeld von "Jack Brooks: Monster Slayer" und "Dying Breed"... wie soll da ein reines Kunstwerk den Raum finden, sich angemessen in den Kopf des Betrachters einzubrennen?

Ich glaube, "Waltz with Bashir" wird jeden beeindrucken, der ihn sieht. Die Erzählung und vor allem auch ihre Aufbereitung können niemanden kalt lassen. Und das sagt jemand, der mit jeglicher Art animierter Filme gemeinhin eher Probleme hat. Aber die pure Ernsthaftigkeit des hier Gezeigten, die nicht nur symbolhaft für reales Geschehen steht oder "inspired by true events" ist, sondern direkt aus der finsteren Realität entnommen ist und dazu noch ganz ruhig, leise und fast nebenbei Hintergründe aufdeckt, die gnadenloser sind als ein Drehbuch sie sich ausdenken könnte... die wirkt in doppelter Hinsicht unfair: einerseits den reinen Unterhaltungswerken gegenüber, die gegenüber dem realen Grauen zwangsläufig wie ranziges Popcorn erscheinen müssen. Andererseits aber auch "Waltz with Bashir" selbst gegenüber.

Denn für Amüsement kann dieser Film natürlich schon mal gar nicht sorgen, auch kaum für Faszination im herkömmlich filmischen Sinne. Denn über allem steht automatisch eine Form von Betroffenheit beim Betrachter. Die auch verdammt noch mal gerechtfertigt ist, denn hier geht es um Krieg, um Verdrängung, um das Unmenschliche im Menschen und die Krankheit, die in uns allen steckt und immer wieder ausbricht - und zu ECHTEN Wunden, zu ECHTEN Toten führt. Eine solche Betroffenheit kann aber auch ganz schnell so etwas wie ein "schlechtes Gewissen" auslösen. Und sei es nur, weil man sich beim FFF eine ganze Woche lang mit dämlichem Quatsch abgibt, wo die wahre Welt da draußen doch viel dringender unsere Aufmerksamkeit benötigen würde.

Naja, und was macht man für gewöhnlich mit dem Überbringer schlechter Nachrichten? Und noch viel mehr mit jemandem, der einem den Spaß versaut - auch, wenn er guten Grund dafür hat? Ihn jedenfalls nicht lieben. Deswegen glaube ich, dass viele Betrachter des Films beim FFF ihn nicht wirklich werden würdigen können. Obwohl er es mehr als verdient hätte.

Denn da ist nicht nur die Handlung - die einen in ihren Bann zieht und für die meisten Menschen unseres Breitengrades auch sehr spannend sein dürfte, denn sie deckt die Hintergründe der Massaker im Libanonkrieg erst Stück für Stück auf; und der Mehrheit sind diese vermutlich nicht gerades genau bewusst. Da ist auch die Erzählweise, die den Krieg zu etwas sehr Persönlichem werden lässt, den Betrachter mit fortschreitender Zeit immer tiefer in die Geschehnisse hineinzieht und ihn Teil haben lässt an den Erlebnissen nicht eines Soldaten, sondern eines Menschen. Hier geht es nicht (nur) um die Tötungsmaschinerie, sondern auch darum, was der Krieg mit dem Einzelnen macht. Vermittelt über die Erlebnisse, über das Schicksal eines Einzelnen. Unglaublich privat, ja intim erzählt. Und dann ist da auch noch die Animation selbst - die zwar auf den ersten Blick alles andere als extrem detailliert oder feingliedrig wirkt, aber letzten Endes ein fast fotorealistisches Erleben herbeiführt. Selten habe ich animierte Menschen gesehen, die so sehr wie wirkliche Menschen wirkten. Zu guter Letzt sind auch Soundtrack und Score zu erwähnen, welche die Erzählung nicht nur stützen, sondern ihnen in entscheidenden Momenten ganz eigene, starke Farben geben.

Das ultimative Meisterwerk ist der Film für mich dennoch nicht. Was dann vor allem auch an der eben noch gelobten Erzählweise liegt. Denn wo ich es auch für grandios umgesetzt halte, dass wir uns erst langsam in die Tiefen der Erinnerung der Hauptfigur begeben und so erst nach und nach die volle Bandbreite des Geschehens erfassen können - da finde ich es auch störend, die Erzählung ständig unterbrochen zu sehen durch den Wechsel von Interviewpartnern, die uns neue Aspekte vermitteln.

Natürlich, "Waltz with Bashir" ist ein autobiographischer Film, und Ari Folman hat sich nun mal auf diese Weise seine eigenen Erinnerungen erschlossen. Unter dem Gesichtspunkt gesteigerter Intensität und generell eines "fließenderen" Erlebnisses hätte ich mir trotzdem weniger Unterbrechungen gewünscht.

Sonst gibt es kaum etwas zu kritisieren. Aber auch nicht zu bewerten. Denn eigentlich läuft "Waltz with Bashir" hier, wie erwähnt, außer Konkurrenz. Ich vergebe mal 8 Punkte, aber nur der Vollständigkeit halber - der Film passt einfach nicht ins FFF-Bewertungsraster. Aber wie auch immer: gesehen haben sollte man ihn unbedingt.
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 6, Frankfurt

31.08.2008, 06:16


This is not a Love Song

von FFFler
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Ich tat mir ehrlich gesagt schwer mit dem von allen Seiten als Meisterwerk bejubelten Animationsfilm. Nicht dass ich ihn schlecht fand, aber diese Meinungen im Hinterkopf wie auch den ähnlich gelagerten Persepolis ... da hat der Film bei mir zumindest nicht ganz so funktioniert wie ich es mir gewünscht hätte. Regisseur Ari Folman schildert hier die autobiografischen Ereignisse seines Kriegseinsatzes beim Massaker in Libanon. Dabei gefällt die Erzählweise, dass sich der Regisseur selbst nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern kann und frühere Kriegskameraden besucht um seine Erinnerungen aufzufrischen. Was man dann zu sehen bekommt ist dann auch richtig schockierend, jedoch muss ich auch gestehen, dass ich über die Geschehnisse damals recht wenig wusste und dem Zuschauer ein wenig mehr Information an sich sicher gut getan hätte. Das war auch der Punkt weshalb Waltz with Bashir für mich dann doch nicht ganz das erhoffte Meisterwerk war, denn ich mochte zwar den Stil, die Inszenierung und ja er konnte mich auch bewegen, aber ohne die geschichtliche Hintergrundinformation ist doch einiges verloren gegangen ... aber vielleicht ändert sich das ja bei einer möglichen Zweitsichtung nachdem ich mich ein wenig über die Hintergründe informiert habe.

PS: Zu erwähnen sei unbedingt noch der tolle Einsatz der Musik ... man muss sich nur den Trailer anschauen, dann weiß man schon was einen in der Hinsicht erwartet.
FFFler
sah diesen Film im Metropolis 6, Frankfurt

02.09.2008, 23:24


Total Recall

von kinokoller
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Ein empfehlenswerter Film über den Verlust der jugendlichen Unschuld durch den Krieg. Der Regisseur befragt ehemalige Kameraden nach deren Erinnerungen, um schlussendlich seine eigenen traumatischen Erlebnisse aufzuarbeiten. Die Spurensuche zwischen Vergessenem und Verdrängten ist dabei wahrhaft meisterlich illustriert.

Die von subjektiven Eindrücken geprägten Bilder gehen unter die Haut und wirken stellenweise beinahe poetisch verklärt (wie der Walzer vor dem Antlitz des getöteten Präsidentschaftskandidaten Bachir Gemayel) - ein gelungener Kniff die Geschehnisse im Zeichentrick zu dokumentieren und eine Bereicherung fürs Kino.
kinokoller

11.02.2009, 21:55




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Kommentar von tatabanya :
Gut
Was soll ich sonst schreiben? Mir fällt keine passende Tagline als Überschrift ein. Sehr gut erzählt, der Stil ansprechend. Das Thema erschreckend. So läßt einen der Film dann am Ende nachdenklich und still zurück. Das FFF-Publikum war beim Abspann so still, wie man es ganz selten hat. Ich kann den Film auch nicht wirklich beschreiben, doch er wirkt und wirkt nach.
18.08.2008, 09:26

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