The Witness

Review

von roother82
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Zivilcourage – ein gern genommenes Thema der populären Massenmedien, meist in Zusammenhang mit einem tragischen Verbrechen. Bundesweite Aktionen in Schulen, im Internet und auf der Straße versuchen immer wieder dieses wichtige Thema ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rufen.

Auch Kyu-Jang Cho Debüt „The Witness“ schneidet dieses Thema an: Ein Mord geschieht inmitten eines Wohnviertels, doch statt Kooperation mit den Ermittlungsbehörden bestimmen Egoismus und emotionale Kälte das Umfeld. Keiner möchte das nächste Opfer sein, selbst diejenigen, welche etwas gesehen haben, schweigen lieber aus Angst vor dem unbekannten Killer. So auch der Familienvater Soo-jin, der sich fortan nicht nur seinen inneren Dämonen stellen muss, denn auch der Killer hat es auf ihn abgesehen…

Immer wenn sich „The Witness“ dem Thema der emotionalen Kälte widmet, hat der Film seine ganz starken Momente. Wann siegt das Gewissen über der Angst? Ist man mitschuldig an weiteren Morden, wenn man wichtige Informationen aus Schutz der eigenen Familie zurückhält? Leider kippt der Thriller recht schnell in bekannte Muster, diese sind in puncto Suspense und Action zwar ordentlich inszeniert, aber eben völlig durchschnittlich. So begeht Kyu-Jang Cho auch den Fehler in klassische Thriller-Klischees zu verfallen. Leider werden im Laufe des Filmes sogar die ein oder andere sehr ärgerliche Drehbuchidee eingebaut, welche die sonst recht dichte Atmosphäre negativ verwässert.

Im Endeffekt bleibt der Eindruck eines durchschnittlichen Thrillers zurück, gepaart mit dem Gefühl, dass aus der sehr interessanten Ausgangssituation mehr hätte gemacht werden können.
roother82

27.08.2019, 22:52


Und die Moral von der Geschicht'...

von D.S.
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THE WITNESS ist ein sauber inszenierter Krimi mit sozialkritischem Anliegen: Handlungsseitig geht es um einen braven Versicherungssachbearbeiter, der Zeuge eines brutalen Mordes wird und sich in der Folge mit immer bedrohlicheren Einschüchterungsmaßnahmen des Killers ihm und seiner Familie gegenüber konfrontiert sieht.

Tatsächlich steht im Mittelpunkt des Films jedoch etwas anderes: nämlich die Anklage unseres egozentrierten Weltgesamtzustandes, in dem jeder sich selbst der Nächste ist. In dem man lieber wegsieht, als sich einzumischen; in dem der schöne Schein wichtiger ist als das Verschönern des Seins; in dem uns Angst vor Mitgefühl mit anderen unweigerlich auch persönlich immer tiefer in die Scheiße reitet.

Zweifellos ehrenwert. Mitunter auch zweifellos sehr effektiv in Szene gesetzt und bitter mitanzusehen, wie hier in der anonymen Hochhaussiedlung im turbokapitalistischen Korea die Nachbarn noch im unglaublichsten Moment den Kopf einziehen; alles unternehmen, um nur ja nicht involviert zu werden. Wie jeder auf sich allein gestellt ist; Empathie und gegenseitige Unterstützung längst verstorben sind, Feigheit und Eigennutz hingegen fröhliche Urstände feiern.

Es drängt sich jedoch der Eindruck auf, dass Filmlogik, Glaubwürdigkeit und damit schlussendlich auch Spannung dem Vermitteln der „Botschaft“ eindeutig untergeordnet wurden. Ja, viele Menschen sind furchtbar feige. Zeigen furchtbar wenig Interesse am Wohlergehen ihrer Mitmenschen. Entledigen sich furchtbar bedenkenlos jeder Verantwortung, die sie für die Gemeinschaft haben. Dies nimmt hier jedoch Ausmaße an, die irgendwann nur noch albern wirken. Ohne zu spoilern: Wenn eine Figur etwa buchstäblich nur blinzeln müsste, um die Lösung des Problems einzuleiten, aber selbst dafür zu feige ist... wird die „Suspension of Disbelief“ doch arg auf die Zerreißprobe gestellt.

Leider dreht sich auch die Handlung selbst spätestens im letzten Drittel des Films mehr um die Ausflüchte und Vermeidungsstrategien des Zeugens als um die tatsächlich vom Killer ausgehende Gefahr, und ab einem gewissen Punkt hat man sich dann einfach zu oft gegen die (imaginäre) Stirn geschlagen, um das Geschehen und seine unweigerliche, gegen Ende ins Absurde übersteigerte Eskalation noch ansatzweise ernst nehmen zu können.

Das ist schade, denn aus filmischer Sicht kann man THE WITNESS wenige Vorwürfe machen. Die Kamera fängt die emotionale Leere der übervölkerten Ansiedlung stolzer Mitteklasse-Wohnungsbesitzer im seelenlosen Hochhausblock bedrückend unterkühlt ein. Die hemmungslosen Brutalitäten des namenlosen Killers sind als unvermittelte Gewaltexplosionen sehr intensiv in Szene gesetzt. Und insbesondere im Epilog ist auch künstlerische Ambition in der Bildgestaltung unverkennbar.

Insgesamt wird hier dennoch zu wenig geboten, um den Film aus dem Krimi-Mittelmaß herauszuheben. Pädagogischer Anspruch, schön und gut. Ein wenig mehr überzeugender Thrill, ein wenig mehr radikal statt richtig hätte jedoch zu einem unterhaltsameren Ergebnis geführt. So ergibt das für mich: 6 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

07.09.2019, 02:52


Zeugenschmutzprogramm

von Leimbacher-Mario
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Was würdest du tun, wenn du eines nachts einen brutalen Mord vor deiner Tür beobachtest? Ihn der Polizei melden? Auch wenn dich der Killer ebenfalls gesehen hat und er dermaßen eiskalt und entschlossen wirkt, dass er deiner Familie großen Schaden zufügen könnte?! Genau in einer solchen Situation befindet sich der Protagonist und (Nicht-gerade-)Held in dem koreanischen Thriller „The Witness“. Dinge wie Zivilcourage, Mut und das allgemeine und gefühlt immer heftiger werdende Weggucken der Gesellschaft (plus ein wenig, wie momentan oft im asiatischen Raum, das Thema der Mieten und Wohnräume) werden hier groß geschrieben. Aber auch gut umgesetzt? Ja, teilweise schon. Allerdings schlagen hier bei mir zwei sehr unterschiedliche Herzen...

„The Witness“ ist einerseits ein furzknackiger Thriller, toll gespielt, spannend inszeniert und technisch nicht kritisierenswert. Die Geschichte hat Gewicht, ist (in Teilen) auch nachvollziehbar und verliert in keinem Moment an Fahrt, hat verdammt viel, was man an asiatischen Thrillern in den letzten Jahren so lieb gewonnen hat. Nur leider habe ich massive Probleme mit dem Verhalten der Figuren, vor allem mit unserem Protagonisten. Klar verstehe ich manch einen Kinokniff, um das Ding am Rollen zu halten und um einen benötigten Storybogen, Spannungsaufbau zu kreieren, auch kleinere Logiklöcher kann ich ertragen. Aber hier hat mich unsere Hauptfigur einfach nur fertig gemacht mit ihrer Feigheit und ihren falschen Entscheidungen. Klar ist das auch dem Thema geschuldet, es wirkt, ist teilweise sogar beabsichtigt - doch es zehrte arg an den Nerven und manche Zuschauer hat der Film damit spürbar und verständlich auf die Palme und heftig gegen sich aufgebracht. Warum meldet er es nicht (früher) der Polizei? Warum ist er (die meiste Zeit) eine solche Memme? Warum trifft er nie brauchbare Entscheidungen? Warum gehen fast alle Opfer mit auf sein Konto? Was sieht seine Frau in ihm? Wie kriegt er am Ende doch noch den Bogen und den psychologischen Zweikampf gewonnen? Und warum gibt es für ihn eigentlich keine Folgen auf Grund unterlassener Hilfeleistung? Fragen über Fragen, Frust trotz eigentlich bravouröser Leistung.

Fazit: ein Hammer?! Nur inhaltlich beim Killer. Eher eine Zivilblamage. Thematisch wichtig, dazu klasse inszeniert und zum Teil enorm spannend, kurzweilig, hochwertig. Nur, es gibt einen fetten Haken: die (Haupt-)Figur(en) agiert teilweise dermaßen frustrierend und ärgerlich, dumm und nicht nachvollziehbar, dass es einem trotz dem manches erklärenden Thema und den cinematischen Verständlichkeiten dennoch das Filmvergnügen verhageln kann... Im Endeffekt bleibt er bei mir aber trotzdem im Plus. Respekt.
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

16.09.2019, 01:18


If you see something, say something (god dammit!)

von Herr_Kees
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Einen recht charakterlosen Feigling zur Hauptfigur eines Films zu machen, ist problematisch. Zumindest bei uns im Westen, wo Werte wie Zivilcourage hoch im Kurs stehen.

In Asien mag man sich aufgrund anderer gesellschaftlicher Normen vielleicht noch eher mit dem zurückhaltenden Duckmäuser identifizieren können, was den Erfolg des Films im Heimatland Südkorea erklären würde. Hier kann man sich eigentlich nur ständig über den Protagonisten ärgern, der nicht mal seine Frau, in die auch für sie lebensbedrohliche Situation, einweiht und durch sein Schweigen die Gefahr immer weiter eskalieren lässt.

Auch sonst bietet THE WITNESS höchstens mittelprächtige Krimi-Unterhaltung, der ganze Film ist so simpel gestrickt, geschrieben und inszeniert, dass auch der durchschnittliche TATORT-Gucker gut folgen kann. Da sind wir aus Südkorea deutlich besseres gewohnt.
Herr_Kees
sah diesen Film im Metropol, Stuttgart

16.09.2019, 23:57




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