Videodreamvon Herr_Kees | Permalink |
Protagonist „Joe“ (nicht einmal die Polizei wird ihn später mit Nachnamen ansprechen) wird Zeuge eines Mordes. Der Killer lässt ihn gehen, unter der Bedingung, dass er Stillschweigen bewahrt, sonst wäre er innerhalb einer Stunde tot. Eine Drohung, die Joe durchaus ernst nimmt, handelt es sich bei dem Mörder doch um den Tech-Giganten William Shaffer. Und der erscheint ihm nun irritierenderweise sogar in seinen Träumen. Problematisch wird es für Joe, als seine neue Kollegin bei der „Metro Weekly“ dem Verschwinden mehrer Frauen auf die Spur geht – ein Fall, bei dem auch Shaffers Name fällt. Die Story klingt nach einem durchschnittlichen Thriller, doch die Inszenierung von Mickey Reece ist alles andere als das. Undergroundfilmer Reece arbeitet mit altmodisch erscheinender Videotechnik und Verfremdungseffekten, die dem Film nicht nur in seinen Traumsequenzen einen bizarren Look verpassen. Auch die SciFi-Technik im Film wirkt seltsam retro, während auf der anderen Seite aber zeitgenössische Smartphones verwendet werden. EVERY HEAVY THING wirkt so wie ein interessanter, ein bisschen schäbiger Amateurfilm aus den 80ern oder wie ein Frühwerk eines der Davids – Lynch, bzw. Cronenberg. Obwohl der Film und sein Sujet eher düster sind, wird er überraschenderweise von einem feinen sarkastischen Humor durchzogen, der an einen anderen Independent-Autorenfilmer, Richard Bates Jr. (EXCISION, TONE DEAF), erinnert. Die Schauspieler sind frisch und entsprechen mal nicht dem Hollywood-Standard. Schön sind auch die Referenzen, wenn beispielsweise in einem Video Joes waffenvernarrter Vater als sein Lieblingsgewehr das „Chekhov Gun“ präsentiert, das natürlich den Gesetzmäßigkeiten entsprechend auch zu einem späteren Zeitpunkt Verwendung findet. Ein ungewöhnlicher Genrefilm für Kenner, die sich gerne auf etwas Neues einlassen. | |
sah diesen Film im das Metropol, Stuttgart | 18.01.2026, 00:43 |
It’s all in your Headvon D.S. | Permalink |
Filmexperiment Nummer paarhundertachtunddreißig von Mickey Reece ist ein ganz, ganz eigenes Ding. Dürfte vermutlich vor allem denen gefallen, die ein Herz für Indie-Kino weitab der etablierten Regeln haben, denn allein schon in seiner formalen Umsetzung lässt sich EVERY HEAVY THING nur schwer nach gängigen Rastern kategorisieren. Was mit dreckiger, geradezu etwas billig oder gar amateurhaft wirkender 80er-Slasher-Bildsprache beginnt, entführt uns bald wie aus dem Nichts mit halluzinatorischen Low-Fi-Licht- und Farb-Effektorgien regelmäßig in eine lustvoll delirierende, handgemachte Digitalwelt – in der wir auf einen schrecklichen Crash zurasen. Das klingt nicht nur seltsam und widersprüchlich, das ist es auch. Aber ganz egal, dieser psychedelische „Technothriller“ entwickelt Sogwirkung und sorgt dafür, dass man nach anfänglicher Distanz oder Irritation ziemlich gebannt auf die Leinwand starrt. Was auch mit der spannend verworrenen Krimi-Handlung zu tun hat, die sich um das Schicksal von Anzeigenverkäufer Joe dreht, der ins Blickfeld eines brutalen Serienmörders gerät … und, ganz buchstäblich, in sein Bewusstsein. Bei der Umsetzung sind mehr als leichte Neo-Noir-Anklänge unübersehbar, speziell einige Kunstwerke von David Lynch standen recht offensichtlich Pate. Passend dabei, dass Hauptdarsteller Josh Fadem erstmals durch seine Rolle als „Phil Bisby“ in TWIN PEAKS: THE RETURN größere Bekanntheit erreichte, und dass Ikone Barbara Crampton einen Kurzauftritt als bezaubernde, BLUE VELVET-like Chanteuse hinlegt. Ein bizarrer Technik-TWIN PEAKS für die Neuzeit, zwischen analoger Angst und Hyper-KI-Panik, mit tollem Synth-Score. Gute 7/10. | |
18.01.2026, 15:11 | |
Störungen der Synthwellenvon Leimbacher-Mario | Permalink |
„Every Heavy Thing“ ist ein ziemlich brainfickender und bipolarer Ritt auf der Retrofuturismuswelle. Mal augenzwinkerndes Experiment, mal abgründiger Cyberthriller, mal reizender Fauxpas. Immer zwischen cool und cringe, zwischen anders und abgehoben, zwischen Kunst und Klischee. Wenn ein frauenmordender Killer eine karge (fiktionale) US-Großstadt unsicher macht und ihm unbedingt ein unauffälliger Anzeigenschalter einer Alternativzeitung in die Quere kommen musste bzw. Zeuge einer seiner Taten wird… Stranger Days Have Happened… Einer dieser „Lass ihn erstmal über dich schwappen!“-Filme ist „Every Heavy Thing“ definitiv. Und auch einer, wo viele Zuschauer dann doch manchmal kurz davor sind etwas plump „Style over Substance!“ in den Kinosaal oder die Filmforen zu rufen. Aber ganz so einfach macht es diese Cyberchimäre einem dann doch nicht, so zumindest mein Eindruck. Zwischen Slasher und schwarzer Satire, zwischen dem Abgleiten der Realität und den Alpträumen der virtuellen Realität, zwischen Edgelord und elektronischem Edelschimmel. Der Soundtrack ist kaufenswert. Der Style ist beachtenswert. Die Gesichter sind frisch. Miss Crampton ist auch mit fast 70 (!) noch ein echter Hingucker, hat aber nur einen sehr kurzen Auftritt. Und die Vorbilder sind unübersehbar und werden teils charmant bis versiert zitiert, manchmal sogar weiterentwickelt oder auf die Spitze getrieben. Doch einige Themen und Storybeats kommen für mich dann doch nie ganz zusammen, um über die Hürde zur Empfehlung oder gar Genialität zu springen. Eher Special Interest. Eher Nische. Aber immerhin keine Stangenware. Und keiner, der allen gefallen will. Trotzdem bleibt ein Gefühl als ob hier noch mehr drin gewesen wäre… Viel mehr. Wovon träumen digitale Schafe und Wölfe? Fazit: Abstraktes Augenzwinkern. Trantütige Tour-de-Force. Cooles Cyberlabyrinth. Neongetränktes Neo Noir-Nachtschattengewächs. Verwirrendes Voxelvexierspiel des Retrofuturismus. Zwischen Lynch, Cronenberg, Theater-AG, Bildschirmschoner und „Big-Tech-Brainfuck“. Kein Langweiler - und doch irgendwie langweilig?! | |
sah diesen Film im Residenz, Köln | 24.01.2026, 20:36 |
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