The Holy Boy

Spiritual Horror

von D.S.
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Religion ist das Opium des Volkes, sagte Karl Marx einst. Das hier dargestellte Volk hat eindeutig eine Überdosis erwischt, allerdings ist seine Droge eine außergewöhnliche: ihr Wirkstoff ist Matteo, der „Engel von Remis“, ein eigentlich ganz normaler 15-Jähriger, dessen Umarmung jedoch besondere Effekte hat. Sie befreit sein Gegenüber von allem emotionalen Leid – was Remis zum „glücklichsten Dorf Italiens“ gemacht hat, in dem echte Traurigkeit de facto nicht existiert. Eigentlich der ideale Platz für Sportlehrer Sergio, der von einem finsteren Erlebnis aus seiner Vergangenheit gequält wird und nun einen Vertretungsjob in dem idyllischen Örtchen antritt. Schnell muss er jedoch feststellen, dass zu viel Fröhlichkeit auch ungesund sein kann, und dass Matteo einen hohen Preis für die Glückseligkeit seiner Mitmenschen zahlen muss. Sergio entschließt sich, einzuschreiten – aber das hat katastrophale Konsequenzen …

Der neue Film von Paolo Strippoli (A CLASSIC HORROR STORY) erweist sich als tiefgründige, technisch meisterhaft umgesetzte Betrachtung der katholischen Fixierung auf Sünde, Strafe und Schmerz im Gewand eines übernatürlichen Coming-of-Age-Films, der mit grandiosen Bildern und einem überwältigenden Sounddesign prunkt. Dafür gab es reichlich Awards etwa beim Fantastic Fest und in Straßburg. Auf jeden Fall ein ziemlich intensives Filmerlebnis, auch wenn sich der Anfang etwas zieht. Dranbleiben lohnt unbedingt.
D.S.

15.01.2026, 22:39


Hug the pain away

von Herr_Kees
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Sergio, ehemaliger Judomeister, fängt seinen neuen Job als Sportlehrer in dem abgelegenen Dorf Remis an. Temporär, wie er betont. Sergio hat einen schmerzlichen Verlust zu verarbeiten. Da ist er in Remis genau richtig: die Einwohner sind ausnahmslos bestens gelaunt, Lächeln ist an der Tagesordnung. Klar, dass der missmutige Sportlehrer wie ein Fremdkörper wirkt.

Barfrau Michaela, deren hochprozentige Bestände Sergio mit seinen regelmäßigen Besuchen ordentlich reduziert, hat Mitleid mit dem Trauernden und führt ihn in das Geheimnis des „lächelnden Tals“ ein: Matteo, der titelgebende HOLY BOY nimmt mit nur einer einzigen Umarmung alles Leid von einem. Doch Matteo ist kein Geschenk Gottes und Sergios Ankunft wird das bestehende System derart verstören, dass Tod und Verderben unausweichlich sind.

Diese Geschichte hätte sogar das Potenzial für eine Miniserie gehabt. Regisseur und Co-Autor Paolo Strippoli schafft es jedoch, in zwei Stunden zahlreiche Aspekte des Stoffes sowie Subgenres wie Arthousedrama, Mysterythriller und Okkult-Horror auszuloten. Sein Film ist visuell interessant, inhaltlich spannend, auch nachdem das erste Mysterium gelüftet ist und hält den Zuschauer bis zum enigmatischen Ende gefesselt. Sehenswert.
Herr_Kees
sah diesen Film im das Metropol, Stuttgart

18.01.2026, 00:46


Unentschieden der Mächte

von Leimbacher-Mario
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„The Holy Boy“ variiert und kippt konsequent einige Horrorklischees um einen „heiligen“ oder bösen (oder einfach missverstandenen?) Jugendlichen in einem abgeschiedenen italienischen Bergdorf, der eine besondere Beziehung zum neuen Sportlehrer (und Judomeister!) aufbaut und der scheinbar den religiösen Kern der mysteriösen „guten Laune“ der Gemeinde darstellt…

Ballade der Schmerzen

Böse (pubertäre) Buben und religiöse Verstörungen gibt’s viele in der Geschichte des Horrors. Gerade das noch immer klar katholisch geprägte Italien passt in diese (schon immer etwas gruseligen, fremdgesteuerten und unterwürfigen) Muster. Und Paolo Strippolis intensiver „The Holy Boy“ spielt mit all diesen Ansätzen und Traditionen. Charaktere mit Kanten. Feinste aber messerscharfe Felswände. Traumas, die verstören (und oft lobenswert nur auf der Tonspur rezitiert werden)! Top Jugenddarsteller. Edle Holzberghäuser. Und immer eine Aura des Unbehagens, die jederzeit vom Seelischen ins Körperliche kippen könnte. Und das dann natürlich auch tut. Nicht immer genau wie man vermutet. Aber doch oft genug. Gerade im Mittelteil der zwei Stunden gibt’s zudem die ein oder andere Länge. Aber das Warten lohnt sich. Ein paar Motive und Bilder werden mir sehr wahrscheinlich länger im Gedächtnis und in den Knochen bleiben. Und vor allem das Thema der (eher seelischen als körperlichen) Schmerzen und dem Umgang mit diesen, die Verdrängung dieser, den Kampf „Gut gegen Böse“ in jedem von uns - das macht „The Holy Boy“ schon echt packend. Und wird damit auch ein wenig zu einer „Pluribus“-Variation mit religiöseren Motiven. Kein Volltreffer, aber am Ende einer der vielversprechenderen Vertreter der europäischen Genrefilmsaison.

Ode der Qualen

Fazit: Mit satten zwei Stunden vielleicht etwas (passend zum Thema) zu gutgläubig in seine Qualitäten. Und erstaunlich wenig „klassischer Horror“, trotz bodysnatcher'igen und omen'artigen Motiven. Aber definitiv kein schlechter Film. Erstaunlich emotional. Nur eben auch nicht das waschechte Highlight, das ich mir vorher vielleicht im besten Fall erhofft hatte… Trotzdem gibt's von mir eine milde Empfehlung.
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

24.01.2026, 20:39




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