Das Schweigen der Männervon Leimbacher-Mario | Permalink |
„New Religion“ ist ein oft in rote Farbe getränkter, etwas experimenteller J-Thriller über eine Escortdame, die ihre Tochter auf tragische Weise verloren hat und die nun von einem mysteriösen Freier nicht für Sex bezahlt, sondern aufgefordert wird, für seltsame Fotos manch eine Hülle fallen zu lassen. Doch das ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange, Pläne und Fragen rund um den gruseligen Fremden, da sich das Verhalten der Frau und einiger ihrer Kolleginnen plötzlich auch ändert… Aus der Mottenkiste Viel Farbe, ein paar Traum(a)sequenzen, ein mysteriöser Fremder mit seltsamsten Fetischen. In „New Religion“ ist es nicht allzu leicht, flott oder endgültig Licht ins Dunkel zu bringen. Oft mit mehr Fragen als Antworten hinter der nächsten Ecke kann ich dennoch die Faszination von Keishi Kondos Thrillerenigma mit Horrorelementen zu keinem Zeitpunkt ganz abstreiten. Er macht meiner Meinung nach nur nicht genug draus. Eine Szene in der kargen Wohnung des (durch Kehlkopfkrebs mit einer Computerstimme ausgestatteten) sneaky Angreifers ist top-notch, mit das Gruseligste und Verstörendste, was ich dieses Jahr im Festivalzyklus bestaunen konnte. Doch dieser an beste J-Horror-Zeiten erinnernde Moment ist nur ein Bruchteil eines ansonsten mäandernden Monuments, das zeitweise einzuschlafen oder gar einzustürzen droht. Vom Szenario über die Grundideen bis zum Style - eigentlich war hier angerichtet für einen J-Horror-Gourmethappen. Das Gesamtergebnis lässt einen aber zu oft zweifelnd, gelangweilt und fragend zurück, sodass ich nur einlull-affinen Japanfilmtouristen ein Abtauchen in diese giftige Fliegenpilzsuppe empfehlen kann. Fazit: The Last of Clues… Stylisch-kryptischer J-Thriller, der stellenweise sein Potenzial andeutet, insgesamt aber zu vage und beiläufig eine sehr rudimentäre Geschichte erzählt. Manche Bilder und Farben erinnern ein wenig an NWR. Alles bleibt verborgen und zugekleistert mit Optikergüssen. | |
24.04.2023, 02:55 | |
Eine Frau sieht rot blauvon Herr_Kees | Permalink |
Es dauert nur eine Sekunde. Eben noch hat das kleine Mädchen die ersten Pflanzen auf dem Balkon gegossen und sich eine Leiter herangezogen, ein Schnitt auf die Mutter im Wohnzimmer, ein Poltern, das Mädchen ist nicht mehr da. Die Schuldgefühle und die Trauer bei Miyabi, der Mutter, gehen jedoch nicht mehr weg. Immer wieder sehen wir im Film die selbe Einstellung, der Balkon aus dem Blickfeld des Zimmers, die Erinnerung an diesen einen Augenblick. Miyabi ist ein Callgirl. Ihre Kollegin Akari ist durchgedreht und schlitzt plötzlich Leute auf. Miyabi übernimmt ihren letzten Kunden. Der empfängt sie immer im Dunkeln, seine Stimme kommt über Lautsprecher, Kehlkopfkrebs. Er will nur ihre Körperteile fotografieren, Stück für Stück. Sie kenne ihn aus einem Traum, sagt sie einmal. Aus wessen Traum? fragt er. NEW RELIGION ist schon ein sehr spezieller Film. Die Körperfaszination von Cronenberg, die monochromen Farben von Refn, die Traumwelten von Lynch, die sexuelle Weirdness von Sono, dazu sehr viel Zeitlupe und ein dröhnender Soundtrack. Das ist kein Mysterythriller, das ist ein psychologisches Puzzle, zu dem wohl nur der Regisseur und Autor Keishi Kondô alle Teile hat. Das Publikum schaut zu, ist fasziniert – oder schläft ein, je nach Veranlagung. Auf sein Debut ließ Kondô noch NEU MIRRORS und NEO FOREST folgen. Wenn das mal nicht die am prätentiösesten betitelte Trilogie aller Zeiten ist. | |
09.09.2026, 18:22 | |
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