Die Milchmädchenrechnungvon Herr_Kees | Permalink |
Ein Lottogewinner, eine Philosophiestudentin, ein Broker, ein Krimineller und zwei Polizisten kommen in eine Bar. Was wie der Anfang eines mittelmäßigen Witzes klingt und mit all seinen implizierten Verwicklungen sowie zahlreichen unglücklichen Zu- und Todesfällen in anderen Händen zu einer klamaukigen schwarzen Komödie hätte werden können, wird hier zur bittersüßen Tragödie, zu einem Thrillerdrama über die „condition humaine“. Denn Regisseur und Co-Autor Vincent Maël Cardona ist ein Moralist. Für seinen Film bezieht er sich auf Jean de La Fontaines Fabel vom Milchmädchen, das auf dem Weg zum Markt so intensiv tagträumt, was sie sich alles vom Erlös ihrer Milch kaufen wird, dass sie unterwegs alles verschüttet. Nicht viel besser ergeht es unserem Bar-Ensemble: Mehr als 260 Millionen Euro ist der unscheinbare Lottozettel wert, den der ältere Herr in der Tasche hat, da kann man schon mal ins Träumen kommen. Der spannende Kniff des Films ist, dass er uns diese Träume als Realität verkauft. Mehrmals beginnen Szenen von neuem, springen wir in andere Szenarien, sehen, was sein könnte, ahnen, dass keine dieser Versionen gut ausgehen wird. Auch wenn der Film es ernst meint, ist er nicht ohne Humor, durchbricht einmal sogar im wahrsten Sinne des Wortes die vierte Wand und es macht Spaß, dem Schauspielensemble bei ihren Plänen zuzuschauen. Als Prolog stellt Cardona dem Film eine verbürgte historische Episode voran, in der niemand geringerer als Giacomo Casanova im Jahr 1757 die französische Staatslotterie begründete, um die Staatskasse durch den Verkauf der Lose aufzubessern. Im Film überzeugt er König Ludwig XV damit, dass die Armen diese „Steuer“ gerne zahlen würden, stünde ihnen nur in Aussicht, reich zu werden. Wie gesagt, Vincent Maël Cardona ist ein Moralist. | |
sah diesen Film im das Metropol, Stuttgart | 15.09.2025, 00:17 |
Kneipen, Pech und Pannenvon Leimbacher-Mario | Permalink |
Ein alter Mann, ein Lottoticket, die richtigen Zahlen, somit indirekt hunderte (!) Millionen Euro in einer Bar mit vielen fremden Franzosen… Wundert's da jemanden, dass sich schon bald die Leichen stapeln?! Eine dumme Idee jagt die nächste „No One Will Know“ aka „Le Roi Soleil“ (der Name der Bar) beginnt etwas verwirrend, unnötig ausholend und dekadent mit einem Rückblick - bis er dann doch schnell und deutlich in seinen kammerspielartigen Groove mit vielen „Was würdest du tun?“-Situationen und Scheidewegen findet. Die Figuren meinen nur sie wären clever, der kleine Krimi ist es als Ganzes aber schon irgendwie. Zumindest ausgefuchst und abgewixt. Zu Beginn wusste ich ein paar falsche Fährten und hypothetische Storywege nicht zu schätzen. Aber hatte ich diese augenzwinkernden Abzweigungen und dummen Pläne der Figuren erstmal akzeptiert und als große Faktoren in diesem schwarzhumorigen Thrillerspiel abgenickt, dann ging das gut durch. Eine feine Fingerübung, die durchaus noch böser, stylischer, bissiger hätte sein können und die sich insgesamt, wenn man alles etwas sacken lässt, dann vielleicht doch für schlauer hält als sie eigentlich ist… Und die trotzdem funktioniert. Unterhaltsame Minusmomente und Charakterschwächen. Der verblendete Sonnenkönig Fazit: Schönes, loopiges Kammer-, Gesellschafts- und Gedankenspiel. Selbst wenn ich nahezu alle Figuren unsympathisch finde (was aber Teil des Konzepts ist) und ich diese wannabe-tarantino'eske Verschachtelungen eigentlich nicht mehr sehen kann. Trotzdem clever und gemein genug gemacht. | |
sah diesen Film im Residenz, Köln | 19.09.2025, 01:52 |
Wer nicht spielt, kann nicht gewinnen. Oder doch?von D.S. | Permalink |
Vermutlich hat ein jeder schon mal davon geträumt, im Lotto groß abzuräumen und sich mit dem Millionengewinn ein schönes Leben zu machen. Eine Luxusvilla kaufen, sich einen Supersportwagen vor die Tür stellen, eine ewig währende Kreuzfahrt unternehmen … da haben wir vermutlich alle unterschiedliche Träume. Anders als die Charaktere in LE ROI SOLEIL aka NO ONE WILL KNOW. Die nämlich scheinen zumindest samt und sonders gar keine nennenswerten Wünsche zu haben. Jedenfalls äußert keiner von ihnen welche, und obgleich der Film mehrfach eine sehr charmante „was wäre, wenn“-Route einschlägt – uns mögliche Varianten der Zukunft vorstellt –, wird uns nie vor Augen geführt, was die sehr diversen Protagonisten dieser Geschichte denn eigentlich mit dem vielen, vielen Geld anfangen wollen, das ihnen aufgrund einer Verkettung (un)glücklicher Geschehnisse quasi in den Schoß zu fallen droht. Das ist für die Story nicht weiter bedeutsam, aber es fällt auf. Und lässt darauf schließen, dass es Regisseur Vincent Maël Cardona am Ende vielleicht gar nicht so sehr um das Erzählen einer Geschichte geht als vielmehr um deren Moral. Diese beläuft sich allerdings nicht auf etwas so Simples wie „Geld macht nicht glücklich“ – auch, wenn das durchaus in der Aussage des Films drinsteckt –, sonst schürft tiefer. Widmet sich der menschlichen Konditionierung auf Hoffnung und dem Schaden, den diese anrichtet. Was in der stilistisch etwas unpassenden Einleitung des Films, die uns an den Hof des französischen „Sonnenkönigs“ versetzt und sich mit den Hintergründen des weltweiten staatlich betriebenen Lotteriewesens beschäftigt, recht explizit ausgesprochen wird. Wie dem auch sei: Als hier einer Gruppe von höchst unterschiedlichen Leuten in einer schäbigen Pariser Bar eines Morgens ein Lottoschein in die Hände fällt, der dem Besitzer mehr als 270 Millionen Euro verspricht, entfaltet sich ein schwarzhumoriges Thriller-Drama, bei dem viele theoretisch mögliche, für alle noch lebenden Anwesenden positive Ausgänge des Szenarios besprochen und uns teilweise auch vorgeführt werden. Aber, ach, das Leben ist halt kein freundliches. Und darum läuft alles bald schief und schiefer, die Probleme werden größer und größer, die positiven Ausgänge rücken ferner und ferner. Das ist vom Storyverlauf her allemal unterhaltsam anzusehen, wenngleich einige der fatalen unglücklichen Entwicklungen doch ein wenig zu sehr an den Haaren herbeigezogen wirken. Leider geht dem Film dann zwischendurch auch etwas die Puste aus. Mehr Tempo wäre vor allem im letzten Drittel wünschenswert gewesen, eine etwas tiefergehende Figurenzeichnung in einigen Fällen auch. Aber wie erwähnt, um die Charaktere als solche geht es Cardona wohl auch nur bedingt. Nichtsdestotrotz erweist sich NO ONE WILL KNOW als charmante, niemals langweilende Moritat um Geld und Tod, wie man sie so seit den 90er- oder 00er-Jahren kaum mehr serviert bekommen hat. Knappe 7 Punkte von mir. | |
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt | 19.09.2025, 04:01 |
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