Other

Who the Fuck is Alice?

von Alexander
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Wir folgen Alice, gespielt von Olga Kurylenko, die nach langer Zeit in das abgeschiedene und in einem Wald liegende Haus ihrer Kindheit zurückkehrt, in dem sie keine wirklich schöne Zeit unter der ihr verhassten und dominanten Mutter erleben musste, die offensichtlich unter mysteriösen Umständen einen grausigen Tod gefunden hat. So weit, so eigentlich nicht wirklich neu. Haus im Wald, schlimme Kindheit ... you know what I mean? Und dann ist doch alles anders.

Denn „Other“ funktioniert auf einer realen, visuellen Ebene, wie auch auf einer mentalen, metaphysischen Dimension.

Was allerdings auf den Zuschauer hinabregnet ist ein bizarres Fest von verstörenden Flashbacks in die Kindheit der Protagonistin einerseits, als auch die zersplitternden Puzzleteile verteilter Bilder im Jetzt und Hier, die uns alle langsam in ein unheimliches Gemälde einer innerlich zerrissenen Persönlichkeit zerren.

Exemplarisch für diese Zerrissenheit ist dann eine Szene, in der Alice voller Wut auf den Bildschirm einer Haustürkamera schlägt, deren Monitor ab sofort in viele kleine Bruchteile zersplittert ist (man erinnere sich an das Filmplakat ...), und auf dem fortan auch nicht mehr wirklich zu sehen ist, wer da vielleicht vor der Haustür steht. Eine großartige Parabel und Analogie für den gesamten Film. Der Zuschauer kann und soll nicht mehr wissen als die Hauptfigur dieses verstörenden Puzzles. Und dabei bleibt es auch.

Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele? Und bilde ich mir die gruselige Gestalt, die des Nachts durch die Gänge meines Hauses kraucht etwa nur ein, oder ist diese real?

Wer auf die kleinen und zumeist im „Nachmittags Slot“ des FFF versteckten Mystery-Grusler steht, wird hier bestens bedient. Natürlich war der unfassbar spannende „ILS“ von Regisseur David Moerau, zu dem ich damals in meiner Review schrieb, „mein Hemd im Kinosessel vollends durchgeschwitzt zu haben“, intensiver und gruseliger. Doch „Other“ hat eine viel raffiniertere Geschichte zu bieten, ist subtiler und auch komplexer. In Teilen erinnerte mich der Film an „I See You“, der ebenso verschachtelt und schwer zugänglich, eine ähnlich böse, wenn auch ganz andere Geschichte erzählte.

Merkwürdige Gestalten, die sich in einsamen Häusern verstecken, ziehen halt meistens alle Register der Freunde von Mystery Filmen, doch „Other“ ist viel mehr, denn der Plot kreist eigentlich mehr um das belastende Trauma einer toxischen „Mutter-Tochter“ Beziehung und kann als, im positiven Sinne „feministisches“, und exemplarisches Gruselstück einer gestörten Eltern-Kind-Beziehung verstanden werden, das in diesem Film fast vollkommen ohne männliche Darsteller auskommt und in einem verstörenden Ende gipfelt.


„It breaks the cage and fear escapes and takes possession
Just like a crowd rioting inside
Make me do this, make me do that, make me do this
Make me do that
Am I the cat that takes the bird?
Mother hides the madman
Mother will stay Mum
Mother stands for comfort“

Kate Bush, „Mother stands for comfort“, 1985.
Alexander

05.09.2025, 17:37


„Don’t show your face!“

von Herr_Kees
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Alice wird nachts vom Getrappel kleiner Füßchen geweckt. Dabei sollte sie doch eigentlich alleine im Haus sein? Völlig überstürzt ist sie hierher gereist, da ihre Mutter überraschend ums Leben kam. Sie wurde im Garten gefunden, mit abgefressenem Gesicht.

Nun stöbert Alice in ihren alten Sachen (was uns ein willkommenes Wiederhören mit Veruca Salts Indie-Hit „Seether“ beschert) und findet dabei auch Videokassetten ihrer zahlreichen „Home-Auditions“ für eine Misswahl. Ihre Mutter schien dabei sehr streng auf das Erscheinungsbild ihrer Tochter zu achten. Bald mehren sich die Zeichen, dass Alice nicht allein im Mutterhaus ist, und auf einmal überschlagen sich die Ereignisse.

Das größte Plus an OTHER von David Moreau ist zugleich sein größtes Handicap: das Drehbuch von David Moreau.

Problematisch ist das Skript in den Aspekten, die auch in anderen Genrefilmen nerven: Figuren verhalten sich unrealistisch oder unlogisch und bringen sich in Gefahr, wo dies einfach zu vermeiden wäre. Was das Buch jedoch viel besser macht als zahllose andere, vor allem zeitgenössische Horrordrehbücher: es erklärt sehr wenig. Das kann beim Zusehen durchaus eine Herausforderung sein. Denn OTHER kombiniert bekannte Genre-Versatzstücke und auch einige eigene interessante Ideen und Motive, schafft es jedoch nicht ganz, am Schluss alle Teile zu einem schlüssigen Ganzen zusammenzusetzen. Je nach persönlicher Veranlagung kann man sich über die losen Enden ärgern – oder sich freuen, dass im Horrorfilm endlich mal nicht alles einen Sinn ergeben muss.

Dass der Regisseur Moreau uns während des gesamten Films kein anderes menschliches Gesicht als das der Hauptdarstellerin zeigt, kann man ebenfalls als inszenatorischen Manierismus oder als cleveres Konzept wahrnehmen – in jedem Fall macht es was mit einem. Und das ist mehr, als man von den meisten sonstigen Gruselfilmen behaupten kann.
Herr_Kees
sah diesen Film im das Metropol, Stuttgart

17.09.2025, 12:11


Wie aus dem Gesicht geschnitten…

von Leimbacher-Mario
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„Other“ geht relativ simpel in die Vollen und zurück in direktere Genrezeiten, mit ein paar leichten technischen Kniffen gewürzt: Eine Frau kommt in ihr geerbtes, riesiges und technisch gut überwachtes Elternhaus, weil ihre Mutter mysteriös umgekommen ist bzw. ohne Gesicht gefunden wurde. In ihrer neuen alten Bleibe fühlt sich die immer noch etwas rebellische, kinderfreie Frau aber allein aufgrund der Erinnerungen an ihre strenge Jugend zwischen Schönheitswettbewerben und mütterlicher Extreme nicht wohl. Doch als sie es dann nachts poltern hört, draußen dauernd eine Drohne kreist und die Videokassetten von damals eh schon alte Wunden aufreißen, ahnt sie, dass hier irgendetwas Monströses aus der Vergangenheit lauert…

Zwei Seiten einer Schönheitsmedaille

„Other“ bläht sich nicht weiter auf als er muss und erzählt eine sehr straighte Monstermadnessstory mit bösesten Ursprüngen und Traumata. Nur versteckt er sich nicht hinter Metaphern, Überhöhung oder Drama, sondern ist schlicht und einfach ein kleines, feines Terrorfilmchen. Weit weniger verspielt und giallo'esk als sein hübsches Poster. Wesentlich mehr in-your-face… Oder eher ab-ist-your-face, ganz wie man es sehen will. Fettfrei und giftig. Wie man es von David Moreau erwartet. Kein Gamechanger. Aber „Other“ erfüllt seinen Zweck. Normalerweise kann ich mit Olga Kurylenko selten etwas anfangen, oft wirkt sie zu unterkühlt und steril. Der Gegensatz einer Sympathieträgerin. Aber hier passt das ins Bild und Konzept ihrer Rolle, Figur, ihres Schicksals. Dazu ein paar technische Spielereien, die man aber fast schon als rote Heringe abstempeln kann. Die kompakte Laufzeit und Inszenierung. Routinierte Egoperspektiven, Handyfahrten und Jumpscares. Alles sicher nichts Neues. Oder besonders clever. Oder nicht vorhersehbar. No no never. Aber eben hart, bissig, abgründig und ohne Gefangene zu nehmen. To the point. Wie man es heutzutage eben eher selten sieht.

Fazit: tighter Throwback in simplere Horrorzeiten. In die 2020er („Barbarian“), in die 2010er („Housebound“), vor allem in die 2000er mit „REC“ und Moreaus eigenem „Them/Ils“. Mit einer richtig garstig-gemeinen Auflösung. Nicht schlau - aber hart. Passt für mich.
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

24.09.2025, 01:46


Was anderes, bitte

von D.S.
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Ich mag ILS/THEM von 2006 sehr (deutlich mehr als das inoffizielle Remake THE STRANGERS), ich liebe MAD(S) von 2024. Zwischen die Produktionszeiträume dieser beiden Filme fällt der Vorwurf einer Vergewaltigung gegen Regisseur David Moreau, die im September 2020 im Umfeld der Dreharbeiten zu KINGS stattgefunden haben soll. Seit Sommer 2025 läuft ein zweites Ermittlungsverfahren dazu. Während alle diesbezüglichen Details nach wie vor ungeklärt sind, lässt seine Inszenierung von OTHER zumindest mal auf ein durchaus problematisches, objektifizierend wirkendes Frauenbild schließen: Obwohl es für den Storyverlauf überhaupt keine Rolle spielt, lässt er seine Hauptdarstellerin über weite Strecken des Films halbnackt herumlaufen – unter dem voyeuristischen Blick des Publikums. (Und ja: Diese Fleischbeschau richtet sich wirklich nur ans Publikum. Obgleich der Film uns vielerlei Kameras und deren Perspektiven zeigt, bekommen wir sie nie aus einer anderen als unserer eigenen Zuschauersicht dargeboten.)

Aber sagen wir es so: Durch ihr schauspielerisches Talent konnte Olga Kurylenko bislang auch eher selten überzeugen. Zumeist übernahm sie deshalb vielmehr vordringlich die Rolle eines Blickfangs. Als solcher mag sie hier genauso gedacht gewesen sein, allerdings spielt sie als Alice gleichzeitig nun mal die Haupt- und nahezu einzige voll ausgeschriebene Rolle. Was sie ein wenig zu überfordern scheint. Dieser Eindruck könnte, seien wir fair, jedoch auch dem Drehbuch geschuldet sein, das ihr gleich mehrfach so anspruchsvolle Aufgaben wie „albern herumtanzen“ und „auf dem Bett herumhüpfen“ zuweist. Klassische Füllerszenen, anyone?

Diese wiederum kann man dem dafür Verantwortlichen kaum verdenken, die Handlung als solche gibt nämlich verdammt wenig her. Sie dreht sich um eine Frau, die nach dem plötzlichen, brutalen Tod ihrer entfremdeten Mutter zu deren mitten im Wald gelegenen, riesigen, von Dutzenden Kameras und Bewegungsmeldern überwachten Anwesen reist, um dort aufzuräumen und Abschied zu nehmen. Kaum angekommen, muss sie jedoch feststellen, dass die Technik offenkundig macht, was sie will. Warnmeldungen blinken und tröten, Türen werden verschlossen, Rolladen gehen herunter. Außerdem verschwinden ihre Schlüssel. Ihre Autoschlüssel. Ihr Handy. Und es blinkt und trötet wieder. Huch, da entdeckt sie ihr altes Kinderzimmer und so viele, viele Erinnerungen, in denen sie sich erst mal suhlen muss. Und es blinkt und trötet wieder. Dann sind da unzählige alte Videokassetten, deren Inhalte zeigen, wie ihre Mutter sie einst zur Schönheitskönigin und Prom Queen gequält hat. Und es blinkt und trötet wieder … und, ha, da sind neben dem Tröten noch ganz andere Geräusche zu hören. Etwas raschelt und kriecht und schleicht und fleucht, manchmal sehen wir es aus dem Augenwinkel gar kurz durch die Gegend huschen …

Während die Erinnerungen an ihre so qualvolle Kindheit/Jugend das jetzige Selbstbild von Alice aus irgendeinem Grunde zu zersplittern drohen – wohlgemerkt gab es keinerlei Anzeichen, dass diese vorher ein Problem für sie darstellten, also hatte sie die wohl meisterlich verdrängt –, geschehen ein paar random Morde, die zwar einigermaßen grauslich zerbissene, weggebissene Gesichter hinterlassen, die Geschichte aber auch nicht voranbringen. Nach endlosen Wiederholungen dieses Schemas (furchtbar nervige Geräusche, herumhuschende Silhouetten, gewalttätige Ausbrüche von irgendwoher) kommt die Erzählung dann irgendwann zum Ende, und wir fühlen uns fast, als hätten wir einen typisch gehirngematschten B- oder Z-Movie aus den ganz frühen 80ern gesehen. So unglaublich dämlich ist ihre Auflösung nämlich.

Nun habe ich ja ein sehr großes Herz für die alten Trash-Klassiker und -Kamellen. Aber ein Film, der durch enorm viel Technik-Bohei so dermaßen deutlich machen will, dass er modern und am Puls der Zeit ist (ja, auch KI und Drohnen und alles andere, das du dir an up-to-date-ness denken kannst, wird eingebunden), und sich dann am Ende des Tages als so altmodisch wie deiner Großmutter ihr Nachthemd entpuppt? Nein, sorry, das ist peinlich. Und kostet OTHER für mich, neben dem unsäglichen Nerv-Faktor und der Null-Handlung, weitere Punkte. Am Ende komme ich so bei 3,5 von 10 heraus, was ich wirklich, wirklich schade finde. Aber das Ding ist, ernsthaft, schwer erträglich.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

24.09.2025, 02:22




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