The Piano Accident

Jackass – The other Movie

von Herr_Kees
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Dupieux ist nicht gleich Dupieux, wer mit seinem Werk vertraut ist, weiß das. Auf sprechende Autoreifen, kettenrauchende Superhelden und Riesenfliegen folgen immer auch Endlosverhöre, erzwungene Theaterstücke oder eben missglückte Interviews wie hier.

Irgendetwas ist massiv schiefgelaufen mit dem Piano, so massiv, dass Magalie erpressbar geworden ist und sich nun erstmals interviewen lassen muss. Die junge Frau ist seit ihrer frühen Jugend eine Internetberühmtheit, womit sie bekannt wurde, erfahren wir jedoch erst während des Gesprächs.

Adèle Exarchopoulos (unattraktiv bis zur Unkenntlichkeit, man könnte aber auch sagen: natürlich wie selten) spielt den Onlinepromi mit kindischer Herrschsucht und einem permanenten debilen Kichern durch die Zahnspange – herrlich, sie mal als Komödiantin zu erleben, die mit ihrer Performance auch fast den ganzen Film trägt. Und: erträglich macht. Denn im Grunde ist Magalie ein unausstehlicher Charakter, ihr Assistent ein feiger Speichellecker und die Journalistin ambitioniert, aber unfähig.

Dupieux ist natürlich auch nicht interessiert an einer Satire über Personenkult und Influencerwahn. Er findet die Komik in der Absurdität der Situation, im falschen Joghurt, in Moonboots und in einem Lächeln auf dem Moped. Dazu spielt Musik von Mr. Oizo und Chilly Gonzales.

Der Pianovorfall ist daher eher für Fans und Kenner des Regisseurs zu empfehlen, Einsteiger könnten irritiert – und gelangweilt – sein.
Herr_Kees
sah diesen Film im das Metropol, Stuttgart

14.09.2025, 12:09


IShowDamage

von Leimbacher-Mario
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Kein Fantasy Filmfest ohne den französischen Vielfilmer und meiner Meinung nach oft genug genialen (!) Quentin Dupieux, der mit „The Piano Accident“ seine vielleicht reifste, rundeste und radikalste Komposition auf die Welt loslässt - über eine (wortwörtlich!) schmerzfreie, weltbekannte Influencerin und ihr erstes Interview über sich selbst…

Die Klaviatur der Schmerzen

Mit weniger Lachern als vielleicht je, mit nahezu null Surrealität … Dupieuxs „The Piano Accident“ überrascht. Und kann Leute, die den „alten“ Dupieux erwarten, durchaus auf dem falschen Fuß erwischen. Die jüngeren Zuschauer, Fans solcher Influencer oder vielleicht Leute, die selbst in diese Richtung gehen, womöglich ebenso. Und trotzdem halte ich diese augenzwinkernde und doch bissige Abrechnung für einen der runderen Querschläger des französischen Enfant Terrible. Die Hauptdarstellerin macht das grandios und könnte in ihrer bizarren Art samt ihrer Marotten, ihrem Kichern und vor allem ihrer ungewöhnlichen „Krankheit“ als einziges etwas surreales Element herhalten. Und trotzdem ist die Story von „The Piano Accident“ meiner Meinung nach erstaunlich nah an der Realität und fast 1:1 so in der Realität denkbar. Aufdringliche Fans kriegen auch noch ihr Fett weg. „Jackass“ wird wunderbar zitiert. Alles schlägt einige creepy, traurige und resolute Haken. Die erhobenen Zeigefinger stoßen nie übel auf. Die Mittelfinger ebenso wenig. Jeden aufkommenden Funken an Mitleid für unsere gute „Magalie“ reißt sie sich selbst mit dem Hintern wieder ein. Und es gibt einige Gedanken und Anregungen zum Thema Talent und Popkultur, Berühmtheit und Internet, Fame und Fortune. Tiefsinniger als man je vorher hätte meinen können. Selbst wenn man meint Dupieux gut zu kennen. Lobenswert subjektiv und klar in seiner Kritik, seinem Ziel. Der Film will es weder allen recht machen noch will er allen eine reinzwiebeln. Er weiß ganz genau, wen er (meiner Meinung nach völlig zurecht!) im filmischen Fadenkreuz hat. Und das alles recht straight und on point, ohne abzuschweifen oder tonale 180s zu absolvieren. Das kennt man von Dupieux so gar nicht! Schmerzhaft scherzhaft.

Lococaine

Fazit: Dupieuxs bisher bitterster, bösester und dringlichster Film. Erstaunlich wenig zu lachen. Fast philosophisch. Mit Wut im Bauch. Was für eine Abrechnung mit den „Talenten“ und dem Wahnsinn der jüngsten „Promis“ der Gen TikTok… Stark!
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

20.09.2025, 23:19


Alles Joghurt

von D.S.
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Quentin Dupieux ist hierzulande vor allem als Meister des Surrealen und absurd Komischen bekannt. Bereits RUBBER aber hätte zumindest dem FFF-Publikum nachdrücklich vermitteln können, dass er durchaus auch ernsthafteren, mitunter sogar philosophischen filmischen Erörterungen zugeneigt ist, wie es sein vorletztes Werk THE SECOND ACT erneut bestätigt hat. Dennoch besucht man einen Dupieux-Film beim FFF fast automatisch mit der Erwartung, gleich ein wunderbar bizarres Lach-Festival geboten zu bekommen. Eine Erwartung, die THE PIANO ACCIDENT zum größten Teil schwer enttäuscht. Was ihn aber noch lange nicht zu einem „schlechten“ Film macht, im Gegenteil. Aber vermutlich nicht zu dem, den man erwartet hat.

Im Zentrum der Handlung steht hier die junge Influencerin Magalie Moreau, die ihrem Social-Media-Publikum in erster Linie als „Magaloche“ bekannt ist - ich bin mir nicht ganz sicher, was dieser Name bedeutet, aber ziemlich sicher, dass es dabei um große Brüste („Megajugs“) geht. Magalie ist eine Zicke vor dem Herrn, die seit vielen Jahren aufgrund ihrer YouTube- und TikTok-Videos weltweite Popularität genießt. Diese Videos sind nie länger als 10 Sekunden und zeigen sie bei Aktionen, die JACKASS auf seinen Kern reduzieren: Magalie lässt sich auf jede nur denkbare Weise brutal verletzen. Was ihr nicht wehtut, weil ihr, ähm, nichts wehtut, einer seltenen neurologischen Erkrankung sei Dank. Bei ihrem letzten Video-Stunt mit einem Flügel ging jedoch etwas gehörig schief und sie hat sich nun in ein isoliertes Luxus-Chalet in den Bergen zurückgezogen, in dem sie gemeinsam mit ihrem speichelleckenden Assistenten Patrick darauf wartet, dass das öffentliche Interesse an dem Zwischenfall verblasst. Während sie Patrick herablassend herumkommandiert und sich ausschließlich von Joghurt einer bestimmten Marke ernährt, muss sie jedoch bald feststellen, dass die Außenwelt sie nicht in Ruhe lässt: Zum einen sind da zwei unschön aufdringliche lokale Fans, die auf ein Selfie mit ihr bestehen. Zum anderen erhält sie Nachrichten von einer Journalistin, die Wind vom „Piano Accident“ bekommen hat und Magalie nun erpresst: entweder, diese gibt ihr ein exklusives Interview, oder die Polizei wird informiert. Notgedrungen erklärt sich die zahnspangige „Content Creatorin“ bereit, Rede und Antwort zu stehen … die Frage ist nur, wie lange sie das durchhält.

Von Anfang an vermittelt uns Dupieux, dass hier sämtliche Figuren verachtenswert sind. Von der neurotisch-narzisstischen Influencerin über den rückgratlosen Assistenten und die unfähige Journalistin bis zu den dumpf-prolligen Fans: Hier gibt es absolut niemanden, für den man Sympathie empfinden könnte. Das führt dazu, dass man THE PIANO ACCIDENT in erster Linie als sarkastisches, wenn nicht sogar zynisches Lehrstück über die fatale Sucht nach Öffentlichkeit und Anerkennung betrachtet, die weite Teile unserer gegenwärtigen Gesellschaft prägt. Natürlich kann man kaum umhin, immer wieder höhnisch über das entsetzliche Verhalten zu lachen, das die Protagonisten des Films an den Tag legen. Befreiend ist dieses Lachen jedoch nahezu nie. Eher beklommen.

Dadurch entwickelt THE PIANO ACCIDENT eine Schwere, eine Bitterkeit, die man in einer solchen Ausprägung in Dupieux-Filmen bislang eher selten bis überhaupt noch nicht erlebt hat. Man bekommt hier Vieles präsentiert, das unmittelbar überdacht werden will. Und wenig offensichtlich Lustiges, von einigen wunderbar exaltierten Szenen zwischendurch einmal abgesehen.

So ganz sicher bin ich mir nicht, zu welcher Aussage uns der Film hinführen soll. Aber vielleicht ist das ja auch egal. Die Darsteller:innen machen einen tollen Job, insbesondere die sonst ja für gewöhnlich als wunderschön inszenierte Adèle Exarchopoulos brilliert als sagenhaft verunstaltete Magalie mit Mut zu maximaler Hässlichkeit. Das Tempo der Erzählung ist ebenfalls hoch genug, um niemals zu langweilen. Und, für alle Hardcore-Genrefans: auch Gewalt und Blutvergießen gibt es zu goutieren.

THE PIANO ACCIDENT ist der wohl „normalste“, am einfachsten zu konsumierende Film, den Quentin Dupieux je gedreht hat. Vermutlich nicht der unterhaltsamste, schon gar nicht der interessanteste. Aber er macht auf jeden Fall Spaß. Und fast gar keine Kopfschmerzen. Bis man im Nachgang noch mal über ihn nachdenkt. 7 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

27.09.2025, 23:57




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