The Ordeal

Verstörender Backwood-Schocker

von Jimmy_Conway
Der Film ist das krasse Gegenteil eines Crowdpleasers! Das liegt schon daran, dass "The Ordeal" (oder "Calvaire", so der Originaltitel dieses Werkes, das beim FFF als Weltpremiere läuft) dem Zuschauer die Hauptzutaten vieler moderner Horrorfilme verweigert: blutig-effektvolle Mordszenen, die zum partymäßigen Abfeiern einladen, und vollbusige Hauptdarstellerinnen (in "Ordeal" kommt, abgesehen vom Anfang, nicht eine Frau vor - und auch einige unspektakuläre, längere Szenen dürften ungeduldige Zuschauer schnell abschrecken). Nein, hier steht mehr als sonst der Katharsis-Effekt im Vordergrund, und die Gewalt schmeckt in erster Linie so, wie sie eben wirklich ist, als physischer und (hier) vor allem psychischer Schmerz, so erbarmungslos dargestellt, dass man sich in der Tat eher an "Irreversible" als an einen Horrorfilm erinnert fühlt.

Als Backwood-Schocker aus Europa stellt "The Ordeal" ein ziemliches Novum dar, denn degenerierte Hinterwäldler waren bislang zumeist doch eher im amerikanischen Genre-Kino zu finden, als Referenzpunkte für "The Ordeal" seien hier "Texas Chainsaw Massacre", "Muttertag" und vor allem "Deliverance" genannt. Optisch bemerkenswert an Fabrice Du Welz’ Film sind die grobkörnigen Bilder, die unverblümt die triste, gottverlassene Einöde irgendwo im belgischen Niemandsland einfangen, wo der Protagonist, ein umherwandernder Sänger, mit seinem Wagen liegen bleibt und Bekanntschaft mit den Eigenheiten eines Gasthausbesitzers und einer Horde inzestuöser, Sodomie betreibender Dorfbewohner macht.

Auch wenn "The Ordeal" als unbequemes, zutiefst nihilistisches Monstrum von Film daherkommt, sind vor allem die vielen religiösen Andeutungen (und damit meine ich nicht nur die Kreuzigungsszene - um nicht unnötig zu spoilern, sei hier nur das Stichwort Messiaserwartung in den Raum geworfen) und die damit verbundenen Interpretationsmöglichkeiten von starkem Reiz.

Dabei stechen aber auch einige Einzelszenen deutlich hervor und bleiben im Gedächtnis haften: da wäre etwa der Moment, als der Protagonist mit seinem Wagen im Wald stecken bleibt, wobei prasselnder Regen und nebelumwobener Wald derart effektiv eingesetzt werden, dass hier eine einzigartig creepige Atmosphäre aufkommt. Ganz großartig ist später eine Szene von bizarrer Poesie, in der die grobmotorisch-behäbigen Dorfbewohner zu irrem Klaviergeklimper in der Kneipe zu tanzen beginnen (wobei das keineswegs die einzige vor Absurdität sprühende Szene in diesem Film ist). Und auch eine prä-finale Auseinandersetzung, durchgehend aus der Vogelperspektive eingefangen, ist handwerklich überzeugend und stimmungstechnisch beklemmend umgesetzt.

Letztendlich ist "The Ordeal" ein Geheimtipp beim FFF 2004 (und bislang unterschätzt), und dennoch kein Film, den man bedenkenlos empfehlen möchte, da er einfach zu kompromisslos und verstörend ist, weshalb auch nicht verwundert, dass er in München vom Publikum zu großen Teilen ablehnend aufgenommen wurde (die zahlreichen Verrisse, die mittlerweile online zu finden sind, bestätigen den Eindruck). Man sollte also wissen, auf was man sich da einlässt. Wer dem allerdings als aufgeschlossener Zuschauer begegnet, bekommt einen Film, der einen nachhaltig beschäftigt und sich in vielerlei Hinsicht vom Genre-Standard abhebt.
Jimmy_Conway
sah diesen Film im City, München

04.08.2004, 12:25



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