The Woman

Im Menschen-Keller

von D.S.
THE WOMAN ist die Verfilmung des gleichnamigen dritten Teils von Jack Ketchums Kannibalen-Trilogie, der in Deutschland im Dezember 2011 veröffentlicht werden wird - unter dem dämlichen Titel „Beuterausch", der aber natürlich zu den Vorgängertiteln „Beutezeit" und „Beutegier" passt (im Original „Off Season" und „Offspring").

Sie schließt in der Handlung nahtlos an OFFSPRING an: Die einzige Überlebende der Kannibalen-Sippe, eine junge, namenlose Frau, ist ihren Häschern schwer verletzt entkommen und schleppt sich durch die Wälder Maines. Dankenswerterweise wurde mit Pollyanna McIntosh auch dieselbe Hauptdarstellerin gewählt.

Trotz dieser Verbindungen ist THE WOMAN ein vollkommen anderer Film als OFFSPRING: Während jener sich auf das Abfeiern von Thrill und Gore bei leider jämmerlicher Regie- und Kameraarbeit konzentriert, geht es THE WOMAN in erster Linie um den Subtext seiner Erzählung. Das ist auch naheliegend, denn allzu viel Handlung wird eigentlich nicht geboten:

Ein manisch-autoritärer Schleimbeutel von Anwalt und Familienvater stolpert bei einem Jagdausflug über das titelgebende Fräulein. Er fängt sie und kettet sie im Keller seines Hauses an - mit dem Ziel, ihr Benimm und „Zivilisation" einzuimpfen. Zu diesem Zweck spannt er auch seine Frau und ältere Tochter ein, die sich widerwillig bis angeekelt fügen, sowie seinen Sohn. Dem man die Geilheit beim Gedanken an eine Haussklavin förmlich am Gesicht ablesen kann. Nicht nur hier fühlt man sich übrigens an AN AMERICAN CRIME oder auch THE GIRL NEXT DOOR (in Deutschland bekannt als „EVIL") erinnert - letzteres nebenbei ebenfalls eine Ketchum-Verfilmung.

Der Hauptteil des Films beschäftigt sich in der Folge mit der Schilderung der familiären Situation unter dem Eindruck des „Gastes" im Keller. Dabei erweist sich Lucky McKee erneut als herausragender Regisseur: Alleine schon durch eine Sequenz mit Portraitaufnahmen der weiblichen Familienmitglieder, unterlegt von sehr genau ausgewählter Musik, zeichnet er ein so eindringliches Bild von Unterdrückung, Angst und Selbstaufgabe, dass man am liebsten mit gezückter Pistole in den Film hineinmarschieren und den Quell allen Übels eigenhändig beseitigen möchte.

Leider aber ist McKee als Roman- und Drehbuch-Co-Autor Ketchums nicht ebenso talentiert: Es ist nicht das einzige Problem von THE WOMAN, dass er vor einem Übermaß an Subtext kaum noch laufen kann, seine Handlung also deutlich unterentwickelt wirkt. Viel schlimmer ist, dass dieser Subtext so unglaublich laut und plump erscheint, dass jede vermutlich gute Absicht fast schon ins Alberne abdriftet.

Zum einen geht es dabei um das Spannungsfeld „Natur-Moral vs. Zivilisation", zum anderen natürlich explizit um den „Geschlechterkampf". Höchst interessante Themen, die im Kontext einer Story wie dieser reichlich Potential für Charakter- und Handlungsentwicklung bieten - aber leider nicht im Ansatz ausgeschöpft werden. Sprich: In THE WOMAN herrscht Schwarz-Weiß-Zeichnung bis zum Extrem, gibt es keinerlei Evolution seitens Mensch oder Sujet, wird die Botschaft der Erzählung auf metergroßen Bannern permanent unübersehbar vor sich her getragen.

Im letzten Drittel schließlich degradiert sich der Film dann fast auf Schund-Niveau. Die Handlung nimmt nun endlich an Fahrt auf, schmeißt dabei aber plötzlich jeden Respekt vor sich selbst und vor Logik über Bord. Ich will nicht spoilern, aber hier kommen plötzlich derart überdrehte und inhaltlich vollkommen überflüssige Story-Devices zum Einsatz, hier verhalten sich bislang zwar überzeichnete, aber absolut rollentreue Charaktere mit einem Mal so unglaubwürdig und gegen ihr Profil, dass man sich nahezu wie in einem Schnelle-Mark-Roman von Stephen King fühlt. Billigster Horror-Nonsens, wie aus dem Nichts.

All das ist extrem schade, denn THE WOMAN ist (bis dahin) glänzend inszeniert und eröffnet einen tiefen, verstörenden Blick in ein Wertesystem, das weiten Teilen unserer Gesellschaft zweifellos nach wie vor zugrunde liegt - wenn es auch selten so explizit zum Ausdruck kommt. Der Film verhebt sich jedoch zwischen letztendlich zu platter Sozialkritik und Genre-Trash und ist deshalb nicht im Entferntesten das, was er hätte sein können.

Dennoch mehr als einen Blick wert, allein schon der schauspielerischen Leistungen wegen. 7,5 Punkte sind für mich aber das Maximum.
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 8, Frankfurt

26.08.2011, 07:45



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