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Yellow Sea

Review

von Alan Smithee
Der folgende Review enthält SPOILER!
„Yellow Sea" war für mich das erste Festivalhighlight, ein beinharter Thriller aus Südkorea, der zumindest in seiner ersten Hälfte ein Musterbeispiel für realistische Erzählkunst ist.
Ausgangspunkt der Handlung ist die autonome koreanische Präfektur Yanbian, in deren Nähe sich die Grenzen Russlands, Chinas und Nordkoreas treffen. Hier lebt ein Großteil der koreanischen Minorität, die von der chinesischen Regierung offiziell anerkannt ist und deren Angehörige „Joseonjok" genannt werden. Der Anfang des Films wirkt fast wie eine Milieustudie, die ungeschönt die ärmlichen Lebensbedingungen in dieser Region darstellt.

„Held" der Geschichte ist Ku-Nam, ebenfalls ein Joseonjok und Taxifahrer, der gerne trinkt und regelmäßig sein Geld mit Mahjong verspielt. Als er sich für das Visum seiner Frau bei Kredithaien schwer verschuldet und von ihr sitzen gelassen wird, gerät er zunehmend unter Druck. Der Unterweltboss Myung-Ga nutzt seine Notsituation aus und überredet ihn dazu einen Geschäftsmann in Seoul zu ermorden. Natürlich geht bei dem Mord trotz akribischer Vorbereitungen so einiges schief und nach der etwa einstündigen Exposition ist endlich die rasante zweite Hälfte von Hong-Jin Nas epischem Gangsterfilm eingeläutet, die weitere wichtige Figuren einführt und in der der arme Ku-Nam von Polizei und Gangstern derart exzessiv gejagt wird, dass ich teilweise große Augen bekam.
Nicht nur Ku-Nams anfängliche „Hemmungen" schwinden im Laufe des Films zunehmend, sondern auch sein wichtigster Gegenspieler Myung-Ga, ein für koreanische Gangsterfilme ungewohnt rustikaler Bösewicht, etabliert sich als veritable Kampfsau.
Das Töten ist in „Yellow Sea" kein geschönter oder gar glorifizierter Akt. Es ist ein hartes, mühsames und schmutziges Handwerk, bei dem interessanterweise fast keine Schusswaffen, dafür aber Messer, Äxte und in einem etwas loligen Augenblick auch mal ein abgenagter Rinderknochen zum Einsatz kommen.
Bei aller Action zeichnet sich der Film übrigens durch einen wunderbaren schwarzen Humor aus und erfordert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, da er erst spät die tatsächlichen Abhängigkeiten zwischen seinen Figuren offenbart bzw. andeutet. Zum Ende hin kommt es zu einigen unerwarteten Enthüllungen und einer etwas unglaubwürdigen Verletzungs-Toleranz der Hauptcharaktere, wodurch sich der Film vom Realismus der ersten Hälfte verabschiedet, aber insgesamt dennoch als erstklassiger Thriller überzeugen kann.

Das Gangsterkino wird häufig auch als politisches Genre beschrieben. Wie brisant die „Joseonjok"-Thematik in Südkorea betrachtet wird, müsste ich erst noch rausfinden, aber der große Erfolg des Films in seiner Heimat lässt vermuten, dass er dort einen Nerv getroffen hat.
Alan Smithee
sah diesen Film im Cinemaxx 7, Berlin

26.08.2011, 20:14



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