Hell

Mehr Schatten als Licht

von D.S.
Eins vorweg: Regisseur Tim Fehlbaum scheint ein wirklich netter, unprätentiöser Typ zu sein. Beim kurzen Q&A nach der Vorführung von HELL in Frankfurt wirkte er durchweg sympathisch und offen, und ich wünsche ihm wie auch seinem Produzenten Thomas Wöbke noch viele Chancen, Genrestoffe zu verfilmen.

Bei allem Goodwill kann man jedoch nicht darüber hinwegsehen, dass HELL ein bestenfalls durchschnittlich origineller, mäßig umgesetzter Beitrag ist. Dessen bundesweiten Kinostart ich zwar für eine tolle Sache halte, bei dem ein nennenswerter Erfolg mich aber ernsthaft überraschen würde: Zu unspektakulär ist das Geschehen, als dass eine breite Masse darauf anspringen würde, denke ich.

Sicher, im Vergleich mit manchen Konkurrenten sieht HELL sehr gut aus. Aber man muss das relativieren: für einen DEUTSCHEN Film geht er in Ordnung. Nicht für einen Film im internationalen Vergleich, und den bietet ja nun mal gerade das FFF. Tatsächlich ist HELL sehr sehr deutsch, teils laut Regisseur sogar voller Absicht - und hat mit vielen „typisch deutschen" Schwächen zu kämpfen. Die größte: Schauspielerleistungen.

HELL hat eine sehr gut aufgelegte Hannah Herzsprung als Hauptdarstellerin zu bieten, sie spielt überzeugend, charismatisch, einwandfrei. Die meisten anderen Darsteller aber agieren hölzern und dumpf. Ein Gast in Frankfurt lobte den „Realismus" - hmm. Wenn „realistisch" bedeutet, das Charisma eines Baumstammes zu haben, dann traten viele der Figuren hier sicherlich sehr realistisch auf. Nur ist ein solcher Realismus nicht unbedingt geeignet, den Zuschauer in den Bann zu ziehen und für sich zu gewinnen, was ein Film aber leisten sollte - dafür ist er Film und nicht „Realität". Insbesondere Lars Eidinger als Philipp ist ein Totalausfall. Am anderen Ende der Skala stehen dann hierzulande hochgeschätzte „Charakterdarsteller" wie Angela Winkler, auf deren Teilnahme am Film man sehr stolz ist. Nun kann die Dame zweifelsfrei spielen, verficht aber ganz offensichtlich das „Theater-Ideal" vieler älterer Vertreter ihrer Berufsgruppe. Jenes ist nicht nur in einem Genrefilm eindeutig fehl am Platz, es resultiert in versteiftem Overacting, das mehrfach traurig albern wirkt.

Kein Vorwurf speziell an HELL, sondern an den deutschen Film im Allgemeinen - und HELL ist eben ein typischer Vertreter, auch wenn er das von seiner Genrezugehörigkeit her wohl so gar nicht gerne sein möchte.

Allerdings gibt es durchaus auch Vorwürfe, die sich speziell diesem Film machen lassen. Da wäre zum einen die Story, die so gar nichts Originelles aufweisen kann. Endzeit, nach der Klimakatastrophe, nur wenige Überlebende, im Auto unterwegs auf verlassenen Straßen, von anderen Menschen bedroht. CARRIERS anyone, was Setting und Stimmung angeht, um mal nicht die noch viel naheliegenderen Referenzfilme aufzuzählen? Zum anderen ist da ihre Umsetzung: Wenn die Sonne ach so tödlich ist, wie uns der Anfang des Filmes glauben machen will, warum haben unsere Protagonisten im späteren Verlauf so auffallend wenig Angst davor, sich ihr auszusetzen? Warum werden nicht ein einziges Mal die Auswirkungen böser Bestrahlung in der laufenden Geschichte demonstriert? Die Gefahr wird nicht untermauert, dadurch dem Zuschauer auch nicht glaubwürdig gemacht. Die zerstörerische Sonne, ja sogar der Titel des Films wird so zum Gimmick, das den Handlungsrahmen setzt - in die Handlung selbst aber fast überhaupt nicht eingebunden ist.

Viel schlimmer noch tritt allerdings das Kernproblem des deutschen Films in Erscheinung, auch dieses Films: ein Mangel an Atmosphäre. Eine Ausgangssituation wird erläutert, eine Handlung in Gang gesetzt, Charaktere eingeführt - alles rational komplett stimmig. Dabei wird aber vergessen, ihre Verzweiflung, ihre Bedrohung, ihre Ziele auch emotional erlebbar zu machen. Das schafft sogar ein unterdurchschnittlicher Österreich-Slasher wie IN DREI TAGEN BIST DU TOT 2 besser, der an bestimmten Stellen erstaunliche Ähnlichkeiten zu HELL aufweist. Jener vergisst nämlich nicht, dass Musik, Schnitt und Kameraperspektiven manchmal mehr sagen können als ein Dialog oder gar nur eine brav statisch abgefilmte Handlungsfolge. HELL bleibt zu oft zu zurückhaltend im Einsatz inszenatorischer Mittel - und damit auch zu oft zu unterkühlt, steril, bloß beobachtend statt involvierend. Und das heißt leider: zu oft zu langweilig.

Das klingt nun vermutlich alles deutlich negativer, als es eigentlich ist. Man kann sich HELL schon anschauen, auf dem Festival laufen schwächere Filme und aus Deutschland kommen wesentlich schlechtere. Diverse Jubelarien sind aus meiner Sicht allerdings unverständlich - das „Gütesiegel" Roland Emmerich, ein Kinostart und der Segen des nahezu kompletten föderalen Filmförderungs-Programms ebenso. 5 Punkte von mir.
D.S.
sah diesen Film im Metropolis 8, Frankfurt

27.08.2011, 04:33



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