Emokiddies’ feuchter Traumvon D.S. | Permalink |
Jaja, das böse böse Internet. Da gibt es schlimme Ritz- und sogar Selbstmord-Videos, da werden Kids gemobbt und können sich überhaupt nicht wehren, und dann landen sie auf geheimen Seiten, auf denen sie sich gegenseitig zum Freitod anstacheln - kann man das nicht einfach verbieten?
Brrr... SUICIDE ROOM tut so, als könnte er da draußen immer noch ein Publikum finden, für das soziale Netzwerke bzw. das Web als Ganzes ein absolutes Mysterium sind. Ein düsterer, unkontrollierbarer Abgrund, vor dem man die Menschen warnen muss. Aber das kann doch 2011 selbst in Polen nicht mehr der Fall sein?
Wobei, plumpe Botschaften sind ja auch sonst genau die Sache des Films. Eltern nämlich, bitte jetzt aufmerken: Es reicht nicht, euren Kindern materiellen Wohlstand zur Verfügung zu stellen! Ihr müsst sie auch lieben, euch Zeit für sie nehmen, euch um sie kümmern! Sonst schotten sie sich ab und ihr steht dumm da! Dann entschwinden sie nämlich in den hässlichen Bastard von Second Life, Warcraft und den Sims, dem Suicide Room, und meine Fresse, der ist wirklich hässlich - animiert. Leider hält sich der Film relativ oft in diesem Animationsabgrund auf, was ihn nicht leichter erträglich macht. Also kommt schon, Eltern, zieht den Stecker und spielt eine Runde Mau-Mau mit eurem Nachwuchs, dann kommt so was vielleicht in Zukunft nicht mehr auf die Leinwand... bitte bitte?
Ich frage mich ernsthaft, für wen dieser Film gemacht worden ist. Sozialarbeiter, wieder einmal? Oder doch ganz einfach nur für die in Polen ja vielleicht besonders zahlreichen Emo-Girls und Boys, die sich sofort unsterblich verlieben werden in unsere ach so sensiblen Hauptfigur mit den großen, traurigen, kajalumrandeten Augen und dem süßen schwarzen Vollpony? Blöderweise wird der von SUICIDE ROOM zunächst mal als echter Arsch gezeichnet: Ein beliebter, hübscher Junge aus sehr reichem Elternhaus, der nicht nur arrogant und versnobt daherkommt, sondern auch noch vollkommen verzogen ist und sich tatsächlich schreiend auf dem Boden rumwälzt, wenn er mal nicht seinen Willen bekommt. Und bei jeder Kleinigkeit tief verletzt wirkt. Ein verzogenes Rich-Kid-Weichei: Wow, den muss man einfach gern haben.
Was genau das Hauptproblem des Films darstellt: Wie soll man Mitgefühl mit einem krankhaft narzisstischen Penner entwickeln, wie soll er einem leid tun, wie soll man es ertragen, dass er in jeder einzelnen Szene zu sehen ist - und sein kontinuierlich schlimmeres Unglücklichsein der eigentlich einzige Inhalt des Gezeigten ist? Und dann trägt der auch noch meinen Namen. Pfui. Fremdschämen!
Von den erwähnt furchtbaren Animationssequenzen abgesehen, ist SUICIDE ROOM zumindest optisch recht gelungen, der Soundtrack ist gut und die Darstellerleistungen sind sogar sehr gut. Auch, wenn ausnahmslos alle Figuren extrem klischeehaft angelegt sind: sie werden immerhin glaubwürdig zum Leben erweckt. Das macht den Film zumindest noch ansehbar. Aber die billige Moral des Ganzen, die platte Simplifizierung jugendlichen Erlebens, das Internetverständnis auf „Frau im Spiegel"-Niveau und die extrem unsympathische Hauptfigur sind nichts anderes als ärgerlich.
Ja, natürlich nehmen sich Jugendliche viele eigentlich unbedeutsame Sachen sehr zu Herzen, können in tiefen Depressionslöchern landen und sich in ihr Leid bis zum Geht-nicht-mehr hineinsteigern. Natürlich haben viele Eltern nicht den geringsten Draht zu ihrem Nachwuchs und versuchen ihre mangelnde Fürsorge durch materielle Zuwendungen auszugleichen. Natürlich landet man unter solchen Voraussetzungen, erst recht dank des Internets, leicht in falschen Kreisen und mag unter „Gleichgesinnten" schließlich sogar Selbstmord für eine valide oder sogar die einzige Alternative halten. Alles nicht falsch, alles nicht neu.
Aber ein Film sollte versuchen, solche Tatsachen zu abstrahieren oder auf ein entweder künstlerisch wertvolles oder zumindest inhaltlich „unterhaltsames" Level zu bringen. Oder aber eben wenigstens eine Hauptfigur zu entwickeln, für die man sich auch interessieren, mit der man mitleiden mag. Sonst verendet er nämlich als plumper Zeigefinger-Schwenker; als Propagandafilm für Erziehungsberechtigte. Jugendliche Zuschauer selbst wird er nicht erreichen - sollte er sich dafür überhaupt jemals interessiert haben. | |
sah diesen Film im Metropolis 1, Frankfurt | 29.08.2011, 04:15 |
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