Little Deaths

Klein, aber Schwein

von D.S.
LITTLE DEATHS präsentiert uns drei Kurzfilme, deren - einzige - Gemeinsamkeit ist, dass sie menschliche Absonderlichkeiten behandeln und uns echte Schweine als Protagonisten vorstellen. Im Genre schwanken sie zwischen Horror, Groteske und Drama. Dabei steigert sich das Sammel-Werk mit fortschreitender Spieldauer, sowohl hinsichtlich der Länge seiner Episoden als auch hinsichtlich deren Qualität. Allerdings handelt es sich hier vorwiegend um Qualität in Sachen atmosphärischer Dichte: Storyseitig versagen alle drei Beiträge ziemlich deutlich und auch die Inszenierungen sind von stark schwankender Klasse.

Insbesondere der erste Kurzfilm, HOUSE & HOME, ist eine einzige Enttäuschung. Die Geschichte um ein wohlhabendes Pärchen, das sich gerne obdachlose junge Frauen für fiese Spielchen ins Haus holt, scheitert gleich auf mehreren Ebenen. In ihrer ersten Hälfte ist sie quälend dynamikfrei umgesetzt und schafft es, binnen weniger Minuten Laufzeit erhebliche Längen zu produzieren. Viel fataler aber ist, dass die eine große Überraschung in der Handlung kein Stück weit Wirkung zeigt. Selbst innerhalb der sehr offen gehaltenen Story-Logik erscheint sie in ihrer Präsentation unglaubwürdig, vor allem vermag sie aber überhaupt nicht zu berühren: Sämtliche Figuren im Film sind so oberflächlich gezeichnet, dass es einem bei jeder einzelnen egal ist, was wie warum aus ihr wird. Immerhin hat HOUSE & HOME in seinem Finale einiges an Gore zu bieten - im Gegensatz zu seinen Nachfolgern. Dennoch nur 4 Punkte, einzeln betrachtet.

MUTANT TOOL handelt von Drogen und Abhängigkeit, letzteres in durchaus vielschichtiger Weise. Immer wiederkehrendes Element und zentrales Bild der Handlung ist dabei ein nach Nazi-Bauplänen hergestelltes Mutantenwesen, das von einem skrupellosen Wissenschaftler und seinen Schergen in einem düsteren Keller gefangen gehalten und Experimenten unterzogen wird. In den entsprechenden Szenen gelingt es dem Film dankenswerterweise, eine wirklich schaurige Stimmung zu erzeugen: Wir erfahren nur sehr wenig über das Wesen und seine Hintergründe, aber die Präsenz der Szenerie ist beeindruckend. Man spürt förmlich die zutiefst bösen Geheimnisse, die hier in der Luft liegen. Leider können die Teile der Handlung, die sich nicht im Keller-Labor abspielen, da überhaupt nicht mithalten. Sie beschäftigen sich trist und schleppend mit einer nicht sonderlich sympathisch angelegten Ex-Junkie-Nutte, die sich aus nur unzureichend erklärten Gründen bei unserem Wissenschaftler in Behandlung begibt - was böse Folgen hat...

Atmosphärisch überzeugt MUTANT TOOL also nur teilweise, im Storyaufbau gar nicht: Zusammenhänge und zu erwartende Konsequenzen des Geschehens werden ohne Not bereits ziemlich früh im Film erkennbar gemacht, haben deshalb im Moment ihrer Aufdeckung bei weitem nicht die Schlagkraft und überraschende Wirkung, die sie haben könnten. Daneben ist die Glaubwürdigkeit des Gezeigten gleich Null, und das bezieht sich nicht mal so sehr auf den albernen, überflüssigen Nazi-Verweis: Was die Protagonistin und ihr Freund tun und vor allem nicht tun, widerspricht oft jeder Logik - insbesondere gegen Ende der Episode, als sie sich geradezu konträr zu ihrer vorherigen Charakterisierung verhalten.

Die Auflösung der Story schließlich ist arg unbefriedigend, macht vieles von dem, was vorher gezeigt und angedeutet wurde, überflüssig. Da wurde einiges an Potential verschenkt und MUTANT TOOL wirkt dadurch ultimativ ziemlich plump. Der Atmosphäre der Mutanten-Szenen wegen gerade noch 5 Punkte.

Den Abschluss von LITTLE DEATHS bildet BITCH von Simon Rumley, dem Regisseur von THE LIVING AND THE DEAD. Er zumindest beherrscht sein Handwerk: Die Episode um einen jungen Typen, der in einer demütigenden Beziehung zu einer skrupellosen Egozentrikerin gefangen ist, steuert zielsicher auf ihren Höhepunkt zu. Das Maß an emotionaler Grausamkeit, der sie ihren Partner aussetzt, wird kontinuierlich gesteigert - seine Versuche, wegen seiner Liebe für sie damit umzugehen, bleiben dennoch glaubwürdig. Was unter anderem daran liegt, dass sein Charakter realistisch widersprüchlich gezeichnet wird: zwischen Abscheu sich selbst und ihr gegenüber sowie verzweifelter Hoffnung auf Besserung schwankend.

Während die Beklemmungsschraube also auf effektive Weise immer weiter angezogen wird und man mit der Hauptfigur mitleiden kann, hat BITCH aber mit einem fundamentalen Drehbuch-Mangel zu kämpfen: Worauf das Ganze hinausläuft, ist bereits viel zu früh erkennbar. Kein Wunder, werden Hinweise auf den abschließenden Höhepunkt der Handlung doch schon bald und dann immer wieder eingestreut - was zur Folge hat, dass die ganz offensichtlich angestrebte Schockwirkung des Finales sich nur ansatzweise entfalten kann, die Auflösung des Dramas alles andere als überraschend kommt.

Immerhin ist sie inszenatorisch fulminant: Eine 10-minütige, schnittreiche und fast vollständig dialogfreie Sequenz, von einem tollen Score untermalt, führt mitreißend auf den Abschluss des Geschehens hin. Hier spielt es endlich keine Rolle mehr, dass die weibliche Hauptfigur - im Gegensatz zu der ihres Freundes - nur oberflächlich gezeichnet worden ist, ihre Motivation nie wirklich nachvollziehbar wird: Diese Schlussmontage ist meisterlich gelungen und bringt die letzte Episode von LITTLE DEATHS auf 7 Punkte.

Um den ganzen Film zu retten, ist sie aber nicht genug. Mal abgesehen vom fehlenden Zusammenhang der Kurzgeschichten: Die Storys wirken allesamt nicht ausgereift genug, meist mehr auf Effekthascherei als auf Gehalt getrimmt. Atmosphärisch kann zwar gepunktet werden, inhaltlich bleibt aber vieles beliebig. Mehr als 5,5 Punkte sind deshalb nicht wirklich drin.
D.S.

03.09.2011, 15:35



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