Livid

Ein totenbleiches Meisterwerk

von D.S.
Es gibt eine sichere Methode, kein Gefallen an LIVID zu finden: eine Art zweites INSIDE zu erwarten. Zumindest inhaltlich haben die beiden Filme nichts gemein, und auch atmosphärisch trennen sie Welten: Anstelle einer blutroten Splattersymphonie ist LIVID ein morbid-düsteres Märchen für Erwachsene, alptraumhaft, verstörend - in gewisser Hinsicht eine Kreuzung aus ALICE IM WUNDERLAND und HELLRAISER.

Wenn man dem Film eines ankreiden kann, dann seine zunächst zu gemächliche Gangart. Es dauert volle 40 Minuten, bis die Handlung das Reich des tristen Alltags verlässt und die Reise ins Magische beginnt. Bis dahin werden wir in der trügerischen Sicherheit des Gewöhnlichen gewogen: Als Zeugen des ersten Arbeitstages von Lucie Klavel als Altenpflege-Trainee in einem heruntergekommenen französischen Küstenstädtchen, dessen Perspektivlosigkeit jeder nur zu gerne hinter sich lassen würde, wenn er denn einen Ausweg sähe. Mit ihrer zynisch-abgeklärten Ausbilderin Mme Wilson besucht Lucie eine Reihe von Patienten, die näher am Tod als am Leben scheinen. Das gilt ganz besonders für Mme Jessel - eine steinalte ehemalige Tanzlehrerin, die seit Jahren in ihrem riesigen Haus im Koma liegt und wortwörtlich vor sich hin vegetiert. Ihre taubstumm geborene Tochter ist lange tot, aber das interessiert Lucie nicht so sehr wie die andere Geschichte, die Mme Wilson ihr erzählt: Dass nämlich angeblich irgendwo im Haus das sagenhafte Vermögen der alten Jessel versteckt sei und es bis heute noch niemand gefunden habe.

Nun würden vermutlich die wenigsten von uns auf den Gedanken kommen, in der Nacht von Halloween in ein düsteres Haus mitten im Moor einzubrechen, um nach dem Schatz einer nebenan liegenden Komapatientin zu suchen. Aber dann sind andererseits vermutlich auch nur die wenigsten von uns so verzweifelt, verloren und von Geldsorgen geplagt wie Lucie und ihr Freund William - gemeinsam mit seinem Bruder Ben setzen sie nämlich genau diesen Gedanken in die Tat um. Was sie im verwunschenen Gemäuer erwartet, ist allerdings alles andere als der Schatz, auf den sie gehofft hatten. Tatsächlich scheinen sie eine andere, grauenvolle Dimension zu betreten, und LIVID ist ab diesem Moment mit einer Atmosphäre gesegnet, die einen schlicht in Ketten legt.

War die dominierende Farbe in INSIDE noch ein warmes, kräftiges Rot, so tauchen Bustillo und Maury das Geschehen hier zunächst in Blau-, später in Gelbtöne - und deren blasser, kränklicher Effekt setzt die perfekte Bühne für die fieberhafte Folge grotesker Entdeckungen der drei Eindringlinge.

Viel mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden, denn LIVID ist ein filmisches Erlebnis, dem man sich selbst aussetzen muss. Respekt an die Regisseure für ein so andersartiges, originelles und dicht inszeniertes Werk. Das nebenbei auch noch Raum findet für humorvolle Hommagen an Klassiker wie HALLOWEEN III und zwei geisterhafte Kurzauftritte von Béatrice Dalle als Lucies verstorbene Mutter.

Zwar kann man über die Endszene des Films wie auch die von ihm etablierten Metaphern geteilter Meinung sein, an der Kraft seiner Bilder und an seiner Gesamtwirkung ändert das wenig: LIVID ist ungesehen, düster und verstörend. Und trotz dünner Story, zähen Beginns und nicht ausreichend weiter gesponnener Erzählfäden meiner Meinung nach durchaus ein kleiner Meilenstein des Genres. Eine ähnlich überwältigende Stimmung hat für mich jedenfalls lange kein Film mehr ausgestrahlt.
D.S.

22.03.2012, 17:55



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