Chained

Chains, Chains, Chains

von laertes
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Der folgende Review enthält SPOILER!
Jennifer Lynchs jüngstes Werk habe ich sehr genossen, auch wenn es leider einige Schwächen hat. Aber ich versuche immer, wohlwollend an einen Film heranzugehen und die Stärken in den Vordergrund zu stellen – und von denen hat Chained einige! Ganz vorne steht dabei klar Hauptdarsteller Vincent D’Onofrio – der Mann ist (ein verschwenderisch gebrauchtes, hier aber mehr als angebrachtes Wort) ein Naturereignis, eine körperliche, raumausfüllende Wucht eines Darstellers mit einer unheimlichen Bandbreite und Vielseitigkeit in seinem Spiel. Auch die beiden Jungendarsteller waren nicht schlecht, wenngleich insbesondere der kleinere Junge nicht immer durch lebensnahes Spiel überzeugt hat. Inszenatorisch ist das Ding ganz große Klasse, insbesondere die Hauptlocation – das Haus –, aber auch Bild und Ton tragen das ihre zu einem sehr atmosphärischen Film bei. Ganz wichtig: die Gewalt ist am unerträglichsten, wenn sie nicht gezeigt wird. Und das geschieht wesentlich öfter als es explizite Darstellungen zu sehen gibt. Kein Vergleich mit dem insoweit überbordenden Surveillance also (das als Hinweis für diejenigen, denen Surveillance zu blutig war). Chained ist im Gegensatz dazu eher psychologischer Horror, wenngleich mit einigen äußerst drastischen Momenten. Freilich kann man sich fragen: braucht die Welt noch einen weiteren Serienmörder-Film? Die Antwort lautet natürlich: nein! Aber Chained ist nur vordergründig ein Serienmörder-Film, tatsächlich handelt es sich um eine Vater-Sohn-Studie in ungewöhnlichem Gewand, die frischen Wind in beide Genres bringt. Der Fokus liegt weniger auf den Morden als vielmehr auf der Beziehung zwischen Papa Bob (dem Serienmörder) und seinem Zieh-Sohn Rabbit, den er mitsamt Mutter entführt hat und zunächst als seinen Putzsklaven hält. Das birgt einige skurrile Momente, etwa als Bob dem Sohnemann ein aus dem aktuellen Collegejahrbuch gewähltes Mädchen nach Hause bringt, damit der endlich sein erstes Mal haben kann, was Papa Bob sehr am Herzen liegt, wenngleich mit dem ersten Mal nicht nur Sex gemeint ist... Jennifer Lynchs Anliegen, sie wolle erklären, wie ein Monster gemacht wird, habe ich im Film nicht wirklich wiedergefunden. Zwar erfüllt Bobs Verhalten sehr akkurat alle Voraussetzungen einer heftigen dissozialen Persönlichkeitsstörung, wie sie im Psychiatrielehrbuch stehen. Es wird aber gleichwohl nicht klar, wie Bob zu dem wurde, was er ist, insbesondere die Flashbacks in seine Kindheit sind wenig aufschlussreich, denn ob Gewalt zu Gewalt führt, lässt sich ja am Gegenbeispiel Rabbits bezweifeln. Einen kleinen Einblick in Bobs Vorstellungen liefert das Gespräch zwischen den beiden, als Rabbit Bob fragt, warum er tut, was er tut, und Bob zunächst zurückfragt, wieso Rabbit tut, was er tut (kurzer Ausflug ins Themengebiet Willensfreiheit), um schließlich auszuführen, dass sie (die Frauen) ihn darum gebeten hätten, sie zu töten, seit sie geboren wurden, die Schlampen. Dieser Frauenhass blieb jedenfalls mir unerklärlich, weil es Bobs Vater war, der ihn misshandelt hat, aber immerhin bekommt man so eine Idee von der Wahnwelt, in der Bob lebt. Über das zweite Ende des Films breite ich den Mantel des Schweigens. Das ist hanebüchener Unsinn. Der Film hätte mit dem ersten Ende auch zu Ende sein müssen. Jennifer Lynch hat beim q&a auf die diesbezügliche Frage zugestimmt, dass sich das Ende "angeklebt" anfühle, was aber sie durch einen zukünftigen Director’s Cut ändern wolle. Das ist indes schwer vorstellbar, wenn sie nicht das zweite Ende komplett wegschneidet. Abgesehen davon aber alles in allem ein empfehlenswerter Film, mehr eine Charakterstudie und, wie schon geschrieben, ein Vater-Sohn-Film als ein klassischer Serienmörder-Slasher. Gleichwohl sei vor ihm aber gewarnt, denn gerade auch in seinen weniger plakativ gewalttätigen Momenten kann er sehr unter die Haut gehen.
laertes
sah diesen Film im Cinemaxx 7, Berlin

28.08.2012, 00:35



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