Desolation

Hoffnungslos verirrt

von D.S.
Ich muss zugeben, manchmal kann ich die Programmentscheidungen von Rosebud wirklich nicht nachvollziehen. Was qualifiziert z.B. einen Streifen wie DESOLATION dafür, Teil des FFF-Line-ups zu werden? Hat man hier blind zugeschlagen, vielleicht vom netten Retro-Poster geblendet, das in der IMDb abgebildet ist? Viele andere Erklärungen habe ich nicht parat; Faktoren wie Originalität oder filmische Klasse können es aber nicht gewesen sein, denn nach denen sucht man hier so vergebens wie wohl meistens nach einer Nadel im, hmm, Laubwald.

Abgesehen von den ordentlichen Leistungen der drei Hauptdarsteller/innen fühlt sich DESOLATION in vieler Hinsicht sehr nach einem Amateurfilm an, der ein ganzes Stück zu lang geworden ist (seine nur 78 Minuten fühlen sich leider nach deutlich mehr an) und sich auch ansonsten an seinem Vorhaben überhoben hat. So fehlt der Narration etwa ein klar ausgearbeiteter Spannungsbogen – und dem Zuschauer eine Hilfestellung im Sinne örtlicher (und auch zeitlicher) Orientierung: Wir begleiten eine Frau, deren Mann jüngst verstorben ist, auf einer Wanderung mit ihrem 13-jährigen Sohn und ihrer besten Freundin in den dichten Wäldern von irgendwo im Nirgendwo – wo genau (Insel? Nationalpark?) wir uns befinden, erfahren wir nicht; vor allem aber werden wir nie darüber informiert, wo wir uns in einer bestimmten Szene eigentlich gerade aufhalten, weder in Relation zum Start- oder Exit-Punkt der Wanderung noch im Hinblick auf unsere aktuelle Position im Waldgebiet. Und das, obwohl die Protagonisten mehrfach Landkarten zücken, sich über mögliche Routen unterhalten und sich dabei ganz offensichtlich nie im Unklaren über ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort oder ihre nächste Etappe sind. Ganz im Gegensatz zu uns Zuschauern. Wir irren einfach weiter durch das fast immer gleiche Setting und sind bald hoffnungslos verirrt, wenn wir versuchen zu verstehen, wohin man denn nun gerade unterwegs ist. Oder warum eine Entfernung, die man eben noch meinte, innerhalb von ein paar Stunden zurücklegen zu können, nun plötzlich ein paar Stunden und einen Tagesmarsch entfernt liegt. Oder warum eine Figur, die nur gerade ein paar Schritte aus dem Bild ging, plötzlich Minuten braucht, um zurückzukommen – oder auch nur mitzukriegen, dass da gerade jemand ihren Gefangenen befreit, von dem sie sich nur kurz abgewendet hat.

Hach ja, Logik und vor allem Continuity werden ohnehin überbewertet. Wer sagt denn, dass ein Zahn nicht in Sekundenschnelle wieder nachwachsen kann, nachdem er einem eben erst aus dem Mund gerissen wurde? Und ob man in einer Kampfsituation ein Messer nun schon in der Hand oder noch am Gürtel oder doch schon in der Hand hat, was soll’s? Hauptsache, es schockt und splattert!

Äh. Genau. Da war was. Wenn man einen Terror-Thriller im Wald drehen will und mangels Talent keinen atmosphärischen Terror, keine Spannung hinbekommt, wählt man halt den guten alten physischen Terror. Fiese Attacken, tödliche Fallen, Grausamkeiten, Folter, Blutvergießen. Aber nicht, wenn man DESOLATION heißt, denn dann verzichtet man einfach auf alles. Den Höhepunkt der Gewalttaten habe ich bereits gespoilert, neben der Zahnfee kommen nur noch ein, zwei Offscreen-Aufräumarbeiten. Und den Höhepunkt des Grusels stellen schlicht mehrere Auftritte des geheimnisvollen Stalkers dar, der sich an die Fersen unserer Wandergruppe heftet. „Grusel“ aber nicht, weil angsteinflößend, sondern weil erschreckend erbärmlich: Während unser naseweiser und oft ziemlich nerviger kleiner Junge verkündet, der Typ sähe aus wie ein Magier, sage ich: mit seinen abgewetzten schwarzen Klamotten, dem Hut und der auch nachts stolz getragenen Sonnenbrille sieht er aus wie ein abgefuckter Alt-Rocker. Oder halt wie Rob Zombie.

Kurz gesagt: Hier fehlt es an allen Ecken und Enden an Talent und eindeutig auch an Budget. Wirkt eben wie ein sich selbst überschätzender Amateurfilm. Wobei viele Amateurfilme solche Mängel ja mit Spielfreude, kranken Ideen oder einfach nur einer Vision, wo sie eigentlich hinwollen, ausgleichen und dadurch sehr unterhaltsam sein können. DESOLATION dagegen wirkt einfach nur lahm, trist, ideen- und energielos.

Vermutlich sollte das Ganze mal eine Story über das Über-sich-Hinauswachsen im Angesicht einer tödlichen Bedrohung werden; über den verzweifelten Überlebenskampf normaler Menschen gegen eine blutrünstige Bestie; eine Kreuzung aus Slasher und Coming-of-Age. Auf dem Weg dorthin hat man sich aber hoffnungslos verirrt – und ist als einschläfernder Wandertag mit jeder Menge Streit- und Beziehungsgesprächen, mit ohne Thrill, Blut oder auch übermäßig viel Drehbuchlogik geendet. Als Schocker, der mangels Schocks nicht schockt.

Der Darstellerleistungen und der sich – abgesehen vom Bösewicht – einigermaßen realistisch anfühlenden Hauptfiguren wegen gerade noch so 3 Punkte. Aber ganz ehrlich, diesen Film braucht kein Mensch. Und auch kein Waldschrat.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

25.09.2018, 03:20



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