Flashback

Mind-blowing

von D.S.
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Was ist Zeit? Wie formt sie unser Erleben – und unsere Möglichkeiten? Entscheidest du wirklich frei, oder prägt dich deine Vergangenheit unausweichlich hinein in bestimmte Verhaltens- und Entwicklungsmuster? Solchen und anderen ähnlich großen Fragen widmet sich Christopher MacBrides zweiter Langfilm FLASHBACK – allerdings nicht etwa in Form einer schwergängigen philosophischen Abhandlung, sondern vielmehr in einem visuell teils atemberaubenden, oft wahnwitzig schnell geschnittenen Film, der als Sci-Fi-Mystery-Thriller extreme Sogkraft entwickelt, es den Zuschauern jedoch nicht leicht macht.

Im alleinigen Mittelpunkt der Handlung steht dabei der junge Fred (mit einer gewaltigen Bandbreite an Emotionen herausragend gespielt von Dylan O'Brien, LOVE AND MONSTERS), ein Durchschnittstyp in einem Durchschnittsleben, ausgestattet mit einem trockenen neuen Job als Datenanalyst und einer farblosen Freundin (Hannah Gross, MINDHUNTER). Als seine Mutter (Liisa Repo-Martell, KING LEAR) nach einem Unfall mit Hirnschäden und komplettem Gedächtnisverlust ins Krankenhaus eingeliefert wird, triggert das bei ihm eine Reihe von Erinnerungen an glückliche Zeiten mit ihr – und vor allem auch an Momente seiner Jugend, die er vollständig verdrängt hatte.

Diese werden uns teils als klassische Rückblenden präsentiert, teils brechen sie in Form von wahren Bildkaskaden über uns und ihn herein. Fragmente der Vergangenheit, deren Protagonisten unheimlicherweise zu versuchen scheinen, mit ihm Kontakt aufzunehmen und ihm eine Botschaft zu vermitteln. Ein entstelltes Wesen, eine Nahtoderfahrung, eine Crack-Höhle … und immer wieder das Gesicht einer aparten jungen Frau. Mit viel Mühe setzt Fred einige dieser Fragmente zu einem Bild zusammen, das ihm 15 Jahre zurückliegende Experimente mit einer Droge namens „Mercury“ gemeinsam mit drei Schulfreunden zeigt – darunter die von ihm verehrte, begehrte Cindy (Maika Monroe, IT FOLLOWS), die im Zuge dessen, unmittelbar vor ihrem Highschool-Abschluss, offenbar spurlos verschwunden ist. Fred macht sich auf den gefährlichen Weg, mehr über ihren Verbleib herauszufinden. Und darüber, was damals eigentlich mit ihm passiert ist.

Aber sind es tatsächlich Erinnerungen? Oder vielleicht Halluzinationen? Oder die titelgebenden Flashbacks? Diese Frage kann und soll hier nicht beantwortet werden – denn es wäre eine Schande, zu spoilern und den Zuschauern damit einen Teil der wunderbaren, verstörenden Entdeckungsreise vorwegzunehmen, welche das erstmalige Sichten des Films darstellt. Zu seinem Inhalt soll hier deshalb auch nichts weiter verraten werden – außer, dass FLASHBACK Story-Motive von unterschiedlichsten Filmen aufgreift, die sich mit den Grenzbereichen unseres Realitätsempfindens beschäftigen, von MATRIX über BUTTERFLY EFFECT bis hin zu SLAUGHTERHOUSE-FIVE. Visuell dagegen weckt er mit seinen Schnittexzessen und – Epilepsiegefährdeten ernsthaft nicht zu empfehlenden – Strobo-Stakkatos manchmal glatt Erinnerungen an die fordernden Farb- und Lichtgewitter eines Gaspar Noé, in atmosphärischer Hinsicht stellenweise auch an Werke von David Lynch. Es empfiehlt sich dringend, ihn auf der großen Leinwand zu genießen.

FLASHBACK ist unglaublich trippy und hat gleichzeitig das Potential, beim einen oder anderen Betrachter existenzielle Krisen auszulösen. Oder zumindest ein Nachdenken über existenzielle Fragen des menschlichen Daseins. Dabei fordert er dem Publikum vollste Aufmerksamkeit ab: Seine vollkommen non-lineare, teils parallele Erzählstruktur macht es äußerst diffizil, der Geschichte zu folgen. Fast jede einzelne Einstellung hat eine Signifikanz, die sich erst später (oder früher?) erschließt. Und dass es in Freds Job um das Erkennen von Mustern und die Vorhersage von Verhaltensweisen geht; dass der Erinnerungsverlust seiner Mutter seine erschütternde Reise anstößt? Es gibt hier auch inhaltlich keine Zufälle.

Am Ende lässt einen FLASHBACK zudem mit zahllosen Leerstellen und offenen Fragen zurück, mit denen man sich selbst auseinandersetzen muss. Auch deshalb ist er definitiv kein Film für jede und jeden, definitiv keine leichte Unterhaltung. Für alle Fans von „Thinking Man‘s Sci-Fi“ aber einer der aufregendsten FFF-Beiträge seit Jahren. Der beweist, dass man auch ohne gewaltiges Budget und Hollywood-Spezialeffekte eine mitreißende, mitunter überwältigende Filmerfahrung erschaffen kann.
D.S.

17.06.2021, 21:28



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