X

Live fast, die old

von D.S.
TEXAS CHAINSAW trifft elevated Horror, augenzwinkernden bis ausgelassenen Humor und echten Sleaze: nicht unbedingt die wahrscheinlichste Mischung und auch keine, bei der man davon ausgehen musste, dass sie funktionieren würde – erst recht nicht unter der Regie von Ti West, der ja bereits einige prinzipiell sehr interessante Stoffe auf die Leinwand gebracht hat, bislang jedoch fast immer den nötigen Punch bzw. die letzte Konsequenz in der Umsetzung sowie eine gewisse narrative Zielstrebigkeit hatte vermissen lassen. Unter dem prestigeträchtigen Banner von A24 ist es ihm mit X nun allerdings tatsächlich gelungen, eine richtig runde Sache abzuliefern: Ein Stück feine Kinounterhaltung, die sowohl über interessante Charaktere als auch über ausreichend Gore und harte Handlungshöhepunkte verfügt, um das Genrepublikum zu beglücken – und daneben auch noch einiges Intelligentes zu sagen hat, was den Film zu mehr als einem bloßen Stück dreckigen Spaßes macht.

Dabei geht es auf den ersten Blick um den klassischen Konflikt zwischen großstädtischen jungen Menschen mit „lockerer“ Moral und religiös-prüden Hinterwäldlern, also das zentrale Sujet aller Backwoods-Slasher. Stück für Stück wird hier jedoch offenbar, dass noch ein ganz anderes Thema eine entscheidende Rolle spielt. Und allein das schon hebt X deutlich von der durchschnittlichen Genreware ab. Mindestens ebenso sehr tut das allerdings die fantastische filmische Umsetzung, bei der neben dem sehr authentischen Spät-70er-Jahre-Produktionsdesign die Kamera sowie vor allem der extrem narrative Schnitt herausstechen.

Unterm Strich bekommt der Zuschauer bei X somit deutlich mehr geboten, als es die bloße Inhaltsangabe vermuten lässt: Ein kleines Filmteam mietet ein heruntergekommenes Farmhaus in der Einöde von Texas, um dort einen – möglicherweise – etwas anspruchsvolleren Porno zu drehen. Letzteres wird von ihrem Vermieter, einem steinalten Redneck, jedoch überhaupt nicht goutiert, und schon bald müssen Cast und Crew um ihr Leben bangen… Sicher, diese Handlung wird uns dargeboten, und zwar alles andere als schlecht. Wobei es ein Weilchen dauert, bis der Horror- bzw. Gore-Aspekt eine größere Rolle spielt. Bis es soweit ist, können wir uns an den farbenfrohen Charakteren und ihrer guten Chemie untereinander ergötzen – sowie an einer immer stärker ins Befremdliche kippenden Atmosphäre. Letztendlich steckt jedoch mehr zwischen den Zeilen als nur eine tödliche Kreuzung aus Sex und Kills, welche nebenbei einige eherne Genreregeln auf den Kopf stellt. Da ist etwa der ewige Widerstreit zwischen Alt und Jung zu nennen, der hier zu ungewöhnlich tiefgreifenden Verwerfungen führt…

Die Handlung (und speziell der Dialog) ist somit der echte Star des Films, aber auch die Darsteller:innen können überzeugen. Herausragend ist wie meistens Mia Goth, die in einer Doppelrolle große Wandlungsfähigkeit beweisen kann. Nicht zuletzt ihretwegen kann man sich sehr auf das Prequel PEARL freuen, das bereits abgedreht ist und noch dieses Jahr ins Kino kommen soll.

Kurz gesagt: Mit X hat Ti West einen so smarten wie harten, so unterhaltsamen wie intelligenten Horrorfilm abgeliefert, der auf seine volle Länge großartig funktioniert und niemals langweilt. Chapeau an Rosebud. Gute 7,5 von 10 Punkten.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

01.04.2022, 13:09



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