Next Exit

Autos brauchen keine Notausgänge

von Leimbacher-Mario
Die Menschen haben bewiesen, dass unsere Präsenz, unser Geist, unser hauptsächliches Ich nach dem körperlichen Tod weiter existiert. Die Prämisse (hallo Phrasenschwein) ist mittlerweile nicht mehr neu - siehe z. B. „We Go On“ oder „The Discovery“. Doch „Next Exit“ ist dann im Endeffekt fast näher an sowas Intimem wie „The Battery“ und ein Roadtrip durch Amerika mit zwei der liebenswertesten und greifbarsten Figuren des Filmjahres. Denn Teddy und Rose bilden unfreiwillig eine Fahrgemeinschaft in den freiwilligen Tod, quer durch die Staaten zum führenden Institut für die Forschung mit „dem Leben nach dem Tod“. Doch natürlich kommt es wie es (etwas berechenbar) kommen muss und dieses Pkw-Abenteuer lehrt die beiden wortwörtlich Lebensmüden nochmal ganz neue Facetten und Gründe für das Diesseits …

Gute Geschichten sind wichtig. Interessante Ausgangslagen auch. Die audiovisuelle Gestaltung hält bei Laune. Aber eines steht für mich immer über allem, gerade wenn ein Film Wiederspielwert, Sympathie und vielleicht sogar Klassikerstatus erreichen, es in meine Sammlung schaffen will - glaubhafte und liebenswerte Figuren! Und wenn „Next Exit“ auch in den erstgenannten Kategorien keine lahme Ente ist, gelingt es ihm vor allem über seine zwei Hauptfiguren zu mir eine dankbar herzliche Connection aufzubauen. Und deswegen war er heute Nachmittag auf dem Fantasy Filmfest lange Zeit auf dem Weg in mein Herz und meine Bestenlisten. Hinten raus reißt er sich diesen hervorragenden Eindruck etwas durch Konventionelles, Spirituelles, Vorhersehbarkeit und fast schon Kitsch etwas ein. Doch insgesamt bleibt ein positiver und warmer Eindruck. Belebend, berauschend, bildhaft. Kumpelhaft, romantisch, hilfreich. Lehrreich, nie predigend, einfach angenehm und schön. Man merkt, dass die kleine Crew und beide Darsteller wirklich wochenlang in der Coronahochzeit durch die USA gecruist sein müssen. Dabei entstanden Chemie, Vertrauen, Verständnis und Timing. Das hilft hier enorm, vor allem wie gesagt in einer flotten und nahezu perfekten ersten Hälfte. Dazu prachtvolle Sonnenuntergänge und Sternschnuppen, schwere Themen über die man stundenlang diskutieren kann, insgesamt aber ein lockerer und authentischer Ton. Komplett unprätentiös. Der beste Kurzmonolog über Baseball aller Zeiten. Und daher ein Geheimtipp, Indiedarling und Sympathiebolzen. Ein Herzfilm für mich. Nur bitte nicht Horror und echte Schauer erwarten.

Fazit: Sehr sympathischer, emotionaler und menschlicher Roadtrip. Figuren, mit denen ich wirklich gerne Zeit verbringe. Ein fein geschriebenes Script. Vielleicht auch Improvisation. Echte Chemie. Tolle Landschaften. Kein Grusel. Viel mehr Gefühl als Geister. Das Ende verliert ein wenig Schwung und die Ausgangslage kennt man mittlerweile. Dennoch: eine mehr als lohnenswerte, lebensbejahende und süße Fahrt!
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

17.09.2022, 01:52



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