Nichts ist’svon D.S. | Permalink |
Der dänische Beitrag NOTHING ist die Verfilmung eines höchst erfolgreichen Jugendbuches – und das merkt man ihm in mehrfacher Hinsicht deutlich an. Zum einen ist da der typische pädagogische Impetus der Erzählung zu nennen: Das Handeln der Protagonist:innen ist ganz offensichtlich darauf angelegt, dem (jugendlichen) Zielpublikum etwas zu vermitteln. Über das Leben, die Gesellschaft, es selbst. Ganz ähnlich wie beim „Herrn der Fliegen“ oder der „Welle“ ist die erzählte Geschichte hier weniger als echte Geschichte, vielmehr als Vollblut-Parabel wahrzunehmen. Auch die nüchtern, nahezu dokumentarisch daherkommende TV-Ästhetik passt zum „lehrenden“ Charakter des Films. Insbesondere deshalb aber ist er als Romanverfilmung erkennbar, da immer wieder Zwischentöne, Hintergründe, Erklärungen in der Erzählung fehlen, die Handlung sich mehrfach zu abrupt und unmotiviert vorwärtsbewegt. In der Buchform festgehaltene Gedanken einzelner Figuren etwa lassen sich nun mal meist nur schwer adäquat auf die Leinwand bringen. All das soll nun allerdings nicht heißen, dass NOTHING kein sehenswerter Film sei. Das ist er. Man muss nur eben mit der richtigen Erwartungshaltung an ihn herangehen. Dazu gehört auch, dass man Bezeichnungen wie „nihilistisch“, „kontrovers“ oder „skandalträchtig“ nicht allzu wörtlich nimmt. Jedenfalls nicht, wenn man FFF-Gänger ist. Wir bekommen auf dem Festival reihenweise wesentlich schockierendere, physisch wie psychisch brutalere, abseitigere und schmerzhaftere Dinge zu sehen als die hier Gezeigten. Allein die Tatsache, dass Kinder bzw. junge Jugendliche die Täter und Opfer von Grausamkeiten sind sowie sich mit Sinn- und Hoffnungslosigkeit auseinandersetzen, macht NOTHING nicht automatisch zu einem verstörenden Werk. Jedenfalls nicht aus Genrefan-Perspektive. Beizeiten unangenehm ist das Geschehen aber natürlich durchaus, wenn sich die Achtklässler:innen einer fiktiven dänischen Kleinstadt entschließen, Objekte mit einer für sie großen emotionalen Relevanz auf einem „Berg aus Bedeutung“ zu opfern – und bald schon versuchen, sich zu übertrumpfen, indem sie voneinander immer größere Opfer verlangen. Dies tun sie, um ihren Klassenkameraden Pierre-Anthon zu widerlegen, der sie mit seiner Aussage aufgebracht hat, nichts im Leben habe Bedeutung und deshalb habe auch nichts einen Wert. Er selbst hat sich zu Beginn der Geschichte auf einen Baum zurückgezogen – und wirkt, zumindest im Film, nicht recht in die Handlung integriert, wenig greifbar, erhält (zu?) wenig Raum; er erscheint so, wesentlich mehr noch als die anderen, fast ausschließlich als Symbol-, als „Moral-Figur“. Jedenfalls stellt sich beim Betrachten nicht unbedingt das Gefühl ein, dass die Opfer-Taten der Kids wirklich etwas mit ihm und seinen Thesen zu tun haben – vielleicht wird im Buch ein stärkerer, schlüssigerer Zusammenhang hergestellt. Seine mangelnde Einbindung ins Geschehen ändert aber nichts daran, dass jenes Schritt für Schritt immer mehr eskaliert und die anderen Protagonist:innen beginnen, einander wirklich wehzutun. Hier hat der Film seine stärksten Momente, wenn durchaus glaubhaft gezeigt wird, wie die Kids eiskalt konsequent ihre Sache durchziehen, sich nicht von „erwachsenen“ Normen dazu verleiten lassen, Kompromisse zu machen: eine realistische Abbildung jugendlicher Geisteshaltung. Die natürlich auch darin besteht, an einen Sinn zu glauben, Bedeutung zu sehen, wo man als desillusionierte:r Erwachsene:r längst keinen mehr sieht. Weniger glaubhaft erscheint dagegen das Finale des Films, das sich unter anderem darum dreht, dass der „Berg aus Bedeutung“ auch von der Außenwelt wahrgenommen wird. Dieser (wohl in der Buchvorlage identisch enthaltene) Aspekt der Geschichte wirkt zwar nicht völlig unvorstellbar, aber doch einigermaßen unrealistisch, was sie ein Stück weit entwertet. Wie dem auch sei: NOTHING macht vieles richtig, ist spannend erzählt und sorgt zumindest für Nachdenklichkeit – ein tiefer als üblich schürfender Blick in die Verfasstheit von Kindern am Beginn ihrer Pubertät, der weit weg von Heile-Welt-Fantasien bleibt. 6 Punkte von mir. | |
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt | 29.09.2022, 23:46 |
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