crazy

Tiger Stripes

Call of the Wild

von D.S.
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Das Sujet des Films – eine Body-Horror-artige Verwandlung eines Menschen in ein animalisches Monster als Metapher für Coming-of-Age und damit verbundene Schwierigkeiten der Selbstfindung und -akzeptanz – wurde mittlerweile in gefühlt dutzenden Genrefilmen durchexerziert. Mehrere seiner zentralen Plot-Devices wie etwa die erste Periode oder auch hasserfülltes Mobbing gehören bei diesem Sujet schon fast selbstverständlich dazu, lassen sich filmisch sogar mindestens bis zu CARRIE zurückverfolgen. Obwohl hier also sehr vieles erst mal sehr vertraut erscheinen mag, setzt sich TIGER STRIPES doch von seinen Mitstreitern ab, erobert sich seinen eigenen Platz im Subgenre und kann Festivaljurys weltweit aus gutem Grund begeistern: unter anderem wurde er beim NIFFF als bester Spielfilm und in Cannes sogar mit dem Grand Prix der Critics’ Week ausgezeichnet.

Was ihn so besonders macht, ist dabei einerseits sein Setting: Die malaysische Gesellschaft ist eine sehr konservative, so patriarchalisch wie religiös geprägte – in einem solchen Umfeld ist die wesentlich früher als bei ihren Klassenkameradinnen einsetzende Monatsblutung der 11-jährigen Hauptfigur Zaffan eigentlich ein Un-Thema, aber dank seiner Begleiterscheinungen lässt es sich von der (Schul-) Öffentlichkeit nicht ignorieren und gewinnt deutlich höhere Relevanz, als es in zeitgenössischen westlichen Filmen der Fall wäre. Zudem ist Zaffan ohnehin ein rebellisches Wesen, das mit vergleichsweise offener Körperlichkeit gegen die strikten Moralgebote von Elternhaus und Lehranstalt protestiert und so für viel Aufsehen sorgt, genau wie für eine immer rigidere Ausgrenzung durch ihre Mitschülerinnen, angeführt von der arrogant auftretenden Farah. Die Konfliktlinien verlaufen hier also nicht nur zwischen der missverstandenen Prä-Teenagerin und der erwachsenen Außenwelt, sondern auch innerhalb des zunächst als Schutzraum dargestellten Freundeskreises, was ihr Aufbrechen umso drastischer macht.

Andererseits kann TIGER STRIPES durch eine tolle Chemie zwischen seinen Hauptdarstellerinnen und eine dadurch bedingte Natürlichkeit in ihrem Spiel, ihrem Umgang miteinander beeindrucken – sowie durch einen erstaunlich großen Humoranteil. Dieser findet vor allem in der Darstellung der Figur des Dr. Rahim Niederschlag: ein echter Scharlatan, Social-Media-Influencer, Arzt und selbsterklärter Exorzist in einem, über dessen affektiertes Gehabe und Geschäftstüchtigkeit sich sehr gelungen lustig gemacht wird.

Zwar können die Make-up-Effekte aus offenkundigen Budgetgründen leider wirklich nicht begeistern, das Sounddesign dafür umso mehr, das den Dschungel akustisch zum flirrenden Leben erweckt, der immer lautstärker nach Zaffan ruft. Auch die Kamera hat ein paar starke Momente, vor allem mehrere Großaufnahmen von Zaffans Gesicht sind sehr wirkungsvoll in Szene gesetzt.

TIGER STRIPES ist ein gleichermaßen grundsätzlich ernsthaft gestimmtes wie leichtfüßiges und vitales, mitunter humorvolles Jugenddrama, das viel Sympathie für seine Hauptfigur und ihren starken, eigenen Weg weckt. Eine kleine Ode an Wildheit und Unbezähmbarkeit, die ein wohlvertrautes Sujet erfrischend individuell bearbeitet. 7 Punkte von mir.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

13.09.2023, 02:58



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