Disturbing.von D.S. | Permalink |
1988. Amerika. Bush senior im Präsidentschaftswahlkampf, die Moral Majority in ihrer absoluten Hoch-Zeit, das ganze Land in einer Welle des "Think positive!"-Wahns. Und mittendrin Donnie Darko, ein ca. 16jähriger amerikanischer Junge. Ein ganz normaler Junge, abgesehen davon vielleicht, daß er eine nicht zu unterschätzende aggressive Ader besitzt und daß er sehr clever ist und viel des heuchlerisch-dummen Geschwätzes seiner Umgebung durchschaut.
Dennoch lebt er ganz normal sein, natürlich vor allem an der Highschool spielendes, Leben: hat Fun und Ärger mit Klassenkameraden, verliebt sich, legt sich mit Lehrern an oder engagiert sich in ihrem Unterricht (in einer nicht ganz befriedigenden Rolle: Drew Barrymore). Plötzlich aber geschehen seltsame Dinge, die ihn in tiefe Verwirrung stürzen, und die nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner gesamten Umgebung nachhaltig verändern ...
Mehr kann leider nicht gesagt werden, ohne für alle, die ihn noch nicht gesehen haben, den Spaß an DONNIE DARKO zu schmälern. Außer: dies ist einer der Filme, die das "gesunde Realitätsempfinden" eines jeden von uns schwer in Frage stellen.
Der Film hat mehrere Gesichter. Beginnt er zunächst fast wie einer der typischen Streifen über pubertierende Teenager in einer sonnigen Welt, wird er bald zu einer bissigen Satire über die amerikanische Seele, über Harmonie-Heuchelei und "Life tastes good"-Phrasen und -Klischees - wunderbar untermalt von einem 80er Jahre-Soundtrack der besseren Sorte (ECHO & THE BUNNYMEN, PET SHOP BOYS etc.).
Aber damit sind die Wandlungen des Films noch lange nicht zu einem Ende gekommen: im weitesten Sinne übernatürliche Phänomene treten auf, die dramatische Seite gewinnt die Oberhand, dann wird es sehr spannend; und je länger er läuft, desto düsterer und beklemmender wird er, bis man schließlich kaum umhin kann, ihn als "verstörend" zu bezeichnen.
Das ganze ist großartig gefilmt, und wird von hervorragenden schauspielerischen Leistungen getragen - allen voran die "Donnie Darkos" selbst, Jake Gyllenhaal, der vorher (außer einer Kinderrolle in CITY SLICKERS) zu keinem erwähnenswerten Film beigetragen hat, hier aber wirklich überwältigend gut, ernsthaft, überzeugend spielt. Und Atmosphäre hat DONNIE DARKO wirklich ohne Ende; ich habe mich sehr in das Geschehen hineingezogen gefühlt - und denke Stunden nach dem Film noch immer über ihn nach, wie sonst dieses Jahr nur über MEMENTO und THE HOLE.
Die Story ist wirklich nicht ohne, und man muß stellenweise schon genau aufpassen, was passiert, um nicht entscheidende Hinweise zu verpassen. Läßt man sich aber auf den Film ein, ist er ungemein fesselnd - und wirkt mit seiner Spielzeit von vollen 2 Stunden fast zu kurz. Jedenfalls keine Sekunde langweilig.
Ganz sicher einer der besten Filme des diesjährigen Filmfests, insbesondere, weil er wirklich originell ist, weil er in keinem Moment vorhersehbar ist, weil er für garantierten Gesprächsstoff danach sorgt, weil man ihn unbedingt nochmal sehen möchte. Nicht leicht verdaulich, zuletzt sehr düster ... beeindruckend.
DONNIE DARKO sollte man sich wirklich nicht entgehen lassen. Nicht nur, weil er sehr gut ist. Sondern auch, weil dies wohl die einzige Chance ist, ihn in seiner Originalfassung zu sehen: Ich habe mehrfach gehört, daß er bis zu seiner (US-) Kinopremiere umgeschnitten werden soll. Derzeit eröffnet er bzw. sein Ende (mindestens) zwei sehr unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten. Und ich fürchte, die Endfassung des Films wird ihn auf eine davon "festnageln". Das würde ihn dann zwar wesentlich leichter verdaulich machen - aber ihm auch einen guten Teil seines Charakters und seiner - verstörenden - Wirkung nehmen.
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sah diesen Film im Turm-Palast, Frankfurt | 09.08.2001, 02:53 |
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