Twilight of the Warriors: Walled In

Ghosts Of Hong Kong Past

von D.S.
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Kowloon ist in vielerlei Hinsicht das Herzstück Hong Kongs. Vor allem ist es Heimat von gleichermaßen Neon-Glamour wie Dreck und Verbrechen. Der allergrößte Teil der „typischen“ HK-Filme aus den 80ern, 90ern und 00ern fokussiert seine Handlung vorwiegend auf Kowloon, wobei etwa Filme wie QUEEN OF TEMPLE STREET, THE PRINCE OF TEMPLE STREET oder auch ONE NITE IN MONGKOK (FFF 2005) – und zahlreiche andere – ihre dortige Verortung bereits im Titel tragen. In fast all diesen Filmen geht es hauptsächlich um Triaden, Drogen, Gewalt und/oder Prostitution. Und es sind Filme, wie sie heute fast nicht mehr gedreht werden, Vertreter einer Vergangenheit, in der Hong Kong noch etwas Spannendes zur Filmwelt beizutragen hatte. Was inzwischen, nicht zuletzt auch der Vereinnahmung durch Mainland-China wegen, kaum mehr der Fall ist. WALLED IN nun offenbart sich in dieser Gemengelage fast als eine Art „Blast from the Past“, könnte zu großen Teilen tatsächlich glatt jener glorreichen Vergangenheit entsprungen sein – wenn man von der übermäßigen Überstilisierung, dem CGI-Murks und einigen fragwürdigen Aspekten der Handlung, wie etwa den magischen Kräften des zentralen Antagonisten, einmal absieht. Aber selbst bei jenen muss man Nachsicht walten lassen, und kann das als Fan des Old-School-Hong-Kong-Kinos vermutlich auch ganz gut: Es handelt sich hierbei schließlich um eine Comic-Verfilmung, und da gelten andere Maßstäbe.

Ebenjener Comic (bzw., natürlich, Manga), auf dem WALLED IN basiert, heißt „City of Darkness“, und das war auch ein alternativer Name für die Kowloon Walled City: den 1993–94 abgerissenen Slum in Kowloon, in dem die Triaden vom Beginn der 1950er- bis zum Ende der 1970er-Jahre faktisch die alleinige Herrschaft und quasi legislative, vor allem aber exekutive Macht innehatten. Ich kenne den Manga nicht – der Film aber spielt in den 80er-Jahren und vermittelt insofern von vornherein ein ahistorisches Bild, denn zu jenem Zeitpunkt war der Stadtteil längst unter der Kontrolle der städtischen und Polizeibehörden. Aber Authentizität ist ohnehin nicht seine Sache, glorifizierende Nostalgie dagegen umso mehr: Hier haben die brutalsten Gangster noch ein gutes Herz, Moral und einen Ehrenkodex. Ganz so wie im klassischen alten Hong-Kong-Kino eben. Dass in der echten Walled City an jeder Ecke Hundefleisch verkauft wurde, dass man leichter ein Bordell als einen ganz normalen Einzelhändler finden konnte, dass die Gewalt und Drogenkriminalität explodierte – who cares?

Wobei, immerhin letztere wird hier durchaus thematisiert, steht zu einem guten Teil sogar im Vordergrund. Erzählt der Film doch die Geschichte von Chan Lok-kwun, einem illegalen Einwanderer, der zu Beginn des Films als Sieger eines Boxkampfs viel Geld gewinnt und dieses einem Triadenchef („Mr. Big“, gespielt von keinem Geringeren als Sammo Hung!) überlässt, damit der ihm einen Pass und damit die Chance auf ein neues, legales Leben in HK verschafft. Als der teuer erkämpfte Pass sich jedoch als plumpe, wertlose Fälschung erweist, fordert Chan Lok-kwun sein Geld zurück, wird von den Gangstern jedoch verlacht und auf die Nase gestupst. Wutentbrannt macht er sich davon und stiehlt dabei einen Rucksack, woraufhin die Gang ihn bis zu den Toren der Walled City verfolgt. Schnell stellt sich heraus, warum: Der Rucksack enthält eine gewaltige Menge Heroin, die man natürlich zurückbekommen möchte. Aber nach einem fehlgeschlagenen Versuch, die Drogen im Slum zu verkaufen, gerät unser Protagonist unter die Fittiche des lokalen Triadenbosses „Cyclone“ (Louis Koo – was habe ich den auf der Leinwand vermisst!), der ihn zu einem wertvollen Mitglied der „gutherzigen Gauner-Samariter“ (ja, so wird die Organisierte Kriminalität hier tatsächlich dargestellt) heranzieht und ihn gemeinsam mit seinen Fußsoldaten sowie den Truppen seiner Crime-Kompagnons gegen die Schergen von Mr. Big verteidigt … bis es schließlich doch zum großen Crash kommt.

Dazwischen gibt es viel Lokalkolorit in den Kulissen einer eindrucksvoll nachgebauten Walled City zu bewundern, reichlich (und mitunter arg kitschiges) Brotherhood-/Freundschafts-Blabla, tiefe Gefühle füreinander, die erwähnte Gutherzigkeit der hier nur nominell Bösen … und schrägerweise macht das Ganze extrem viel Spaß. Man bekommt tatsächlich fast nicht genug davon. Doch natürlich bricht irgendwann die Außenwelt über die behütete Außenseiter-Verbrecher-Oase herein, und ab diesem Moment gibt es hier eigentlich nur noch auf die Fresse, von allen Seiten und von jedem gegen jeden. Das ergeht sich weniger als Martial-Arts-Gewitter, mehr Kampf-Chaos mit allem, was eben gerade zur Hand ist. Zuletzt sehr umfangreich gegen einen Über-Bösewicht, der mit dem Übersinnlichen im Bunde und dadurch nahezu unverletzlich ist – er hat „Spirit Power“! Das mag nicht so recht ins Old-School-Bild passen, stört die Narration aber maximal unwesentlich, wenn man ehrlich ist. Wie gesagt, es ist nun mal eine Comic-Verfilmung, da kommt es auf solche Details nun wirklich nicht an.

Auffälliger ist im gesamten Film aus meiner Warte, dass die vornehmlich Guten hier nicht automatisch gewinnen, vielmehr haben die plakativ Bösen (bzw. der Böse) sehr ausdauernd die Nase vorn. Und: das Mauerwerk der Walled City erweist sich immer wieder als äußerst porös.

Von allen Fragen nach Sinn und Verstand, nach Storylogik und Kohärenz einmal abgesehen – und moralische Erwägungen sowieso komplett vergessend: TWILIGHT OF THE WARRIORS: WALLED IN ist ein mitreißendes Kino-Fest, beste Festivalunterhaltung und ein verdammt verdienter Abschlussfilm. Genau das möchte man auf der großen Leinwand sehen, genau das gehört aufs FFF, genau das ist der ideale Höhepunkt einer langen Filmfest-Woche. Zumindest, ein wenig Einschränkung muss sein, wenn man Fan des goldenen HK-Kino-Zeitalters ist. Dicke 7,5 Punkte.
D.S.
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt

02.10.2024, 02:11



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