Ein Toxie wie kein anderervon D.S. | Permalink |
40 Jahre nach der Uraufführung der moralisch überaus fragwürdigen, bis zum Exzess splatternden und auch sonst durchweg für gute Laune sorgenden Gore-Komödie THE TOXIC AVENGER kehrt unser aller allerliebstes Monsterbaby auf die Leinwand zurück, wenngleich in deutlich anderem Gewand als zuvor. Erfunden von Lloyd Kaufman höchstselbst, präsentierte der Originalfilm 1984 eine völlig neue Art von Superhelden und bescherte Troma Entertainment damit nicht nur den ersten veritablen Hit – sondern trug maßgeblich dazu bei, dass aus der Firma das heute am längsten bestehende unabhängige Filmstudio der Welt werden konnte. In Deutschland unter dem Namen ATOMIC HERO vermarktet (und bis 2013 indiziert), folgten ihm drei Sequels sowie eine kurzlebige Zeichentrickserie, ein Marvel-Comic, ein Videospiel und sogar eine Musical-Adaption. Kurzum: Der Inbegriff von Kult. 2010 wurde erstmals ein Remake angekündigt, das jedoch dezidiert familienfreundlich ausfallen sollte. Glücklicherweise wurde das nie Realität, stattdessen erwarb Legendary Pictures 2018 die Rechte und leitete einen Reboot unter Mitwirkung der Originalproduzenten Lloyd Kaufman und Michael Herz in die Wege, der nun weltweit ins Kino kommt und hierzulande zunächst beim FFF zu sehen ist. Drehbuch und Regie hat Macon Blair übernommen, der insbesondere als Schauspieler in den frühen Werken von Jeremy Saulnier bekannt geworden ist, namentlich MURDER PARTY, BLUE RUIN und GREEN ROOM, außerdem aber mit I DON’T FEEL AT HOME IN THIS WORLD ANYMORE als Regisseur mehr als ordentliches Serienfutter abgeliefert hat. Sein TOXIC AVENGER entfernt sich inhaltlich ein gutes Stück von der Vorlage, erzählt eine völlig eigenständige Geschichte, in der nicht einmal die Namen der Figuren und Lokalitäten dieselben sind – steht ihr aber im überdrehten Geiste in nichts nach. Und ebenso wenig beim Ausmaß des Gematsches. Tatsächlich lag der Film nach seinen drei Festivalpremieren im Herbst 2023 erst mal für knapp eineinhalb Jahre im Giftschrank, da er aufgrund seiner exzessiven Brutalität als „nicht zu vermarkten“ galt. Und was soll man sagen, im Gegensatz zu weitläufig geäußerten Befürchtungen müssen sich Fans des Franchises in dieser Hinsicht absolut keine Sorgen machen. Na gut, kleine Kinder auf Fahrrädern werden in dieser Interpretation der Story nicht zu Tode gejagt, ansonsten gibt's aber wenig zu bemängeln, was die allgemeine Degeneriertheit des Geschehens betrifft. Was nicht zuletzt am Bösewicht der Handlung liegt: Kevin Bacon genießt es sehr offensichtlich, seine Figur des Bob „Bozo“ Garbinger als ein menschenverachtendes Stück Dreck darzubieten, demgegenüber sowohl die Bullys als auch der Bürgermeister von Tromaville aus der Vorlage fast wie harmlose Witzfiguren wirken. Garbinger führt den Chemie-Giganten BTH und hat keinerlei Probleme damit, das Städtchen St. Roma's Village radioaktiv zu verseuchen. Warum auch, die Rendite stimmt ja. Neben seinem buckligen Bruder Fritz (Elijah Wood ohne Scheu vor totaler Hässlichkeit) hat er ein Heer von Angestellten, darunter den unglücklichen Hausmeister Winston Gooze (Peter Dinklage). Der weiß gerade überhaupt nicht mehr weiter: Er kann schon die Therapierechnungen seines Stiefsohns (Jacob Tremblay, THE LIFE OF CHUCK) kaum bezahlen, und nun findet man bei ihm auch noch einen Gehirntumor, dessen Behandlung viel Geld kostet. In höchster Not bittet er Garbinger um Hilfe, doch statt finanzieller Unterstützung gibt der ihm nur Hohn und Spott. Winston beschließt, dann eben die Firma auszurauben. Das allerdings geht gehörig schief: Auf der Flucht landet er in einem Becken voller atomarem Schleim – und entsteigt ihm als monströser „Toxic Avenger“. Körperlich deformiert, jedoch schier unbezwingbar, macht er sich daran, in seiner Heimatstadt aufzuräumen. Garbinger indessen lässt sich nicht so leicht in seine Pläne fahren … Vom Start weg hat der konkrete Plot wenig mit dem des Originals zu tun, und das verstärkt sich noch mit den vielen Abzweigungen, die er in der Folge nimmt. Speziell der Antagonist von Winston erweist sich als, buchstäblich, erheblich wandlungsfähiger als sein Vorgänger. Der schöne Nebeneffekt: Dieser TOXIC AVENGER gestaltet sich im Gegensatz zur Version von 1984 als „richtiger“ Film mit vollständigem Handlungsbogen und nicht als bloße Gag-Ansammlung. Insgesamt wirkt die Neuinterpretation sicher ein Stück weniger „moralisch verkommen“ und tabulos. Dafür allerdings auch weniger stumpf. Zudem kann sie mit zahlreichen objektiven Verbesserungen punkten, zu denen nicht nur die deutlich gelungenere Maske gehört, sondern vor allem auch die gehaltvollere Geschichte und natürlich die unendlich besseren schauspielerischen Leistungen. Außerdem gibt es zahlreiche Easter Eggs zu entdecken, die Kenner:innen des Ausgangsmaterials erfreuen dürften. Kurz gesagt: Der neue Toxie macht eine Menge Spaß. Es sei denn, man führt eine Strichliste zu den Abweichungen von der Vorlage. Dann ist man aber auch selbst dran schuld, wenn man sich die Party versaut. Gute 7 Punkte von mir. (gesehen in Sitges 2023) | |
31.08.2025, 15:01 | |
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