Alles Joghurtvon D.S. | Permalink |
Quentin Dupieux ist hierzulande vor allem als Meister des Surrealen und absurd Komischen bekannt. Bereits RUBBER aber hätte zumindest dem FFF-Publikum nachdrücklich vermitteln können, dass er durchaus auch ernsthafteren, mitunter sogar philosophischen filmischen Erörterungen zugeneigt ist, wie es sein vorletztes Werk THE SECOND ACT erneut bestätigt hat. Dennoch besucht man einen Dupieux-Film beim FFF fast automatisch mit der Erwartung, gleich ein wunderbar bizarres Lach-Festival geboten zu bekommen. Eine Erwartung, die THE PIANO ACCIDENT zum größten Teil schwer enttäuscht. Was ihn aber noch lange nicht zu einem „schlechten“ Film macht, im Gegenteil. Aber vermutlich nicht zu dem, den man erwartet hat. Im Zentrum der Handlung steht hier die junge Influencerin Magalie Moreau, die ihrem Social-Media-Publikum in erster Linie als „Magaloche“ bekannt ist - ich bin mir nicht ganz sicher, was dieser Name bedeutet, aber ziemlich sicher, dass es dabei um große Brüste („Megajugs“) geht. Magalie ist eine Zicke vor dem Herrn, die seit vielen Jahren aufgrund ihrer YouTube- und TikTok-Videos weltweite Popularität genießt. Diese Videos sind nie länger als 10 Sekunden und zeigen sie bei Aktionen, die JACKASS auf seinen Kern reduzieren: Magalie lässt sich auf jede nur denkbare Weise brutal verletzen. Was ihr nicht wehtut, weil ihr, ähm, nichts wehtut, einer seltenen neurologischen Erkrankung sei Dank. Bei ihrem letzten Video-Stunt mit einem Flügel ging jedoch etwas gehörig schief und sie hat sich nun in ein isoliertes Luxus-Chalet in den Bergen zurückgezogen, in dem sie gemeinsam mit ihrem speichelleckenden Assistenten Patrick darauf wartet, dass das öffentliche Interesse an dem Zwischenfall verblasst. Während sie Patrick herablassend herumkommandiert und sich ausschließlich von Joghurt einer bestimmten Marke ernährt, muss sie jedoch bald feststellen, dass die Außenwelt sie nicht in Ruhe lässt: Zum einen sind da zwei unschön aufdringliche lokale Fans, die auf ein Selfie mit ihr bestehen. Zum anderen erhält sie Nachrichten von einer Journalistin, die Wind vom „Piano Accident“ bekommen hat und Magalie nun erpresst: entweder, diese gibt ihr ein exklusives Interview, oder die Polizei wird informiert. Notgedrungen erklärt sich die zahnspangige „Content Creatorin“ bereit, Rede und Antwort zu stehen … die Frage ist nur, wie lange sie das durchhält. Von Anfang an vermittelt uns Dupieux, dass hier sämtliche Figuren verachtenswert sind. Von der neurotisch-narzisstischen Influencerin über den rückgratlosen Assistenten und die unfähige Journalistin bis zu den dumpf-prolligen Fans: Hier gibt es absolut niemanden, für den man Sympathie empfinden könnte. Das führt dazu, dass man THE PIANO ACCIDENT in erster Linie als sarkastisches, wenn nicht sogar zynisches Lehrstück über die fatale Sucht nach Öffentlichkeit und Anerkennung betrachtet, die weite Teile unserer gegenwärtigen Gesellschaft prägt. Natürlich kann man kaum umhin, immer wieder höhnisch über das entsetzliche Verhalten zu lachen, das die Protagonisten des Films an den Tag legen. Befreiend ist dieses Lachen jedoch nahezu nie. Eher beklommen. Dadurch entwickelt THE PIANO ACCIDENT eine Schwere, eine Bitterkeit, die man in einer solchen Ausprägung in Dupieux-Filmen bislang eher selten bis überhaupt noch nicht erlebt hat. Man bekommt hier Vieles präsentiert, das unmittelbar überdacht werden will. Und wenig offensichtlich Lustiges, von einigen wunderbar exaltierten Szenen zwischendurch einmal abgesehen. So ganz sicher bin ich mir nicht, zu welcher Aussage uns der Film hinführen soll. Aber vielleicht ist das ja auch egal. Die Darsteller:innen machen einen tollen Job, insbesondere die sonst ja für gewöhnlich als wunderschön inszenierte Adèle Exarchopoulos brilliert als sagenhaft verunstaltete Magalie mit Mut zu maximaler Hässlichkeit. Das Tempo der Erzählung ist ebenfalls hoch genug, um niemals zu langweilen. Und, für alle Hardcore-Genrefans: auch Gewalt und Blutvergießen gibt es zu goutieren. THE PIANO ACCIDENT ist der wohl „normalste“, am einfachsten zu konsumierende Film, den Quentin Dupieux je gedreht hat. Vermutlich nicht der unterhaltsamste, schon gar nicht der interessanteste. Aber er macht auf jeden Fall Spaß. Und fast gar keine Kopfschmerzen. Bis man im Nachgang noch mal über ihn nachdenkt. 7 Punkte. | |
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt | 27.09.2025, 23:57 |
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