Klein, aber feinvon D.S. | Permalink |
Wieder mal ein wunderbares Kurzfilmprogramm - für mich zweifellos eins der besten der letzten Jahre. Sieht man vielleicht mal vom deutschen Claymation-Beitrag DETLEV ab, gab es hier eigentlich keinen Film, der nicht beeindruckt, amüsiert oder sogar begeistert hätte. Anekdotische Evidenz bestätigt das insofern, als in Unterhaltungen mit zahlreichen Besucher:innen nach der Vorführung absolut kein klarer Favorit zu erkennen war: Jede:r hatte seinen*ihren eigenen Liebling. Kein Wunder, da so viele Beiträge so extrem gelungen sind. PLAYING GOD (7/10) Ein kurzes, in technischer Hinsicht geradezu überwältigendes Stop-Motion-Piece über einen Schöpfer, der einen weiteren Versuch unternimmt, aus Knetmasse die ideale Kreatur zu erschaffen. Was ihm auch zu gelingen scheint. Bis das Menschenwesen glaubt, eigene Schritte unternehmen zu müssen … In mancher Hinsicht eine Parabel auf die biblische Saga der Verdammung des Menschen aus dem Garten Eden. Aber schmerzhafter. Mir persönlich nur visuell ein kleines bisschen zu trist. BOBBLEHEAD (7,5/10) Ein Mann kauft für einen Camping-Ausflug statt des mit seiner Frau vereinbarten Vans einen alten Citroen, der für ihre Zwecke viel zu klein ist und wirklich schon längst auf die Schrotthalde gehört hätte. Zubehör: ein schäbiger Wackeldackel, der auf dem Armaturenbrett befestigt ist und den der Mann nostalgisch (?) cool findet. Ganz im Gegensatz zu seiner Frau, die die sofortige Verbannung des hässlichen Viechs verlangt. Dieses hat jedoch eigene Pläne … und die wird es auch durchsetzen. Grandios lustige, wenn auch budgetär leicht eingeschränkte Horror-Komödie, die ein Maximum aus den Charakteren und der Situation herausholt. DEFECT (7/10) Zwei Möbelpacker liefern einer alten Dame ihre neue Waschmaschine. Und sollen die alte mitnehmen. Was sich jedoch äußerst herausfordernd gestaltet, denn das Ding ist nicht nur gefühlte 400 kg schwer, sondern offenkundig nicht mal von dieser Erde … und hungrig. Ein kleiner, alberner Ausflug in schräges Cosmic-Horror-Territory, der vor allem durch die guten Darstellerleistungen besticht. DAMMEN (6,5/10) Zwei junge Frauen rudern zu einer entlegenen Insel inmitten eines Sees, um dort ungestört den Hochsommer zu genießen. Irgendwann verlässt eine von ihnen das Bild, um sich zu erleichtern. Sie kommt nicht zurück - und ihre Freundin gerät mehr und mehr in Panik. Bis sich die Natur schließlich zurückerobert, was ihr gehört. Hier wird auf jede Erklärung für das seltsame Geschehen verzichtet, man braucht also eine Vorliebe für verstörende Mystery-Storys, um mit DAMMEN etwas anfangen zu können. Hat man die, wird einem die letzte Einstellung allerdings ein fettes Grinsen aufs Gesicht zaubern. Apropos: Gedreht aus einer einzigen, bis zuletzt unveränderten Kameraperspektive, die uns konsequent nur das Nötigste zeigt. DETLEV (5/10) Der Studentenfilm der diesjährigen GET SHORTY-Rolle, erstellt von Absolventen der Filmakademie Baden-Württemberg, mit der Rosebud ja schon länger verbandelt ist. Nun finde ich es grundsätzlich großartig, den Nachwuchs zu fördern, aber in diesem Fall hätte vielleicht noch mal jemand auf die Story schauen sollen, bevor man den Film einem so großen Publikum vorführt. Denn diese ist … nun ja … zunächst äußerst repetitiv, dann äußerst cringe, plump, peinlich. Technisch allerdings durchaus erste Sahne. Und es ist uneingeschränkt zu feiern, wenn sich heute noch Filmemacher der undankbaren Kunst der Claymation-Stop-Motion widmen. Ein bisschen mehr als eine schmierige, lang ausgewaltzte Liebesgeschichte dürften sie dann allerdings schon liefern. PUZZLE (8,5/10) Mein persönliches Highlight: Eine Puzzle-Influencerin (!) teilt mit ihren Instagram-Followern, dass sie ein neues, herausforderndes Spiel gekauft hat, an dessen Zusammensetzung sie zunächst scheitert, bis sie es schließlich doch, stolz, fertiggestellt hat. Dummerweise zerstört aber ihre Katze das aufwendige Kunstwerk, also muss sie am nächsten Tag neu ran. Und wieder. Und wieder: Ganz gleich, welche Schutzmaßnahmen sie ergreift, ihr maunzender Mitbewohner findet Wege, das Puzzle auseinander zu bringen. Oder ist der am Ende gar nicht daran schuld, sondern vielmehr eine übernatürliche Macht? Rasend schnell geschnitten, mit den richtigen Scares in den richtigen Momenten: Wahnwitzig lustig, medial absolut treffend, keine Sekunde zu lang. Ein echter Hit. SISOWATH QUAY (6,5/10) Der erste kambodschanische FFF-Beitrag aller Zeiten entpuppt sich als kleines Fest für Fans klassischer, durchaus explizit splatternder Geistergeschichten oder auch scherenschnittartiger Animation, die den Hauch des Exotischen atmet. Hier wird uns eine tragische, in puren Horror umkippende Erzählung mit Folgen zwischen Zombie-Infektion und Fluch kredenzt, die von den Protagonist:innen ganz einfach hätten umgangen werden können, hätten sie nur auf die archetypische weise Alte gehört … Sehr stimmungsvoll, überraschend blutig. Nur vielleicht ein wenig zu lang. MEAT CLEAVER (7/10) Der bundesweite Gewinner des diesjährigen Kurzfilmprogramms macht nichts falsch. Mit trocken sarkastischem Dialoghumor bringt er uns die gleichermaßen mental beschränkt wirkenden Opfer und Täter eines Fleischerbeil-Mordes näher, die sich nach der Tat im Himmel respektive der Hölle wiederfinden - und dort mit Gott bzw. dem Teufel über ihre jeweilige Zukunft diskutieren. Das ist grandios absurd umgesetzt, bietet mitunter fantastische Dialoge und spielt mehrfach gekonnt mit der Erwartungshaltung des Publikums. Für meinen Geschmack hätte der Film aber noch deutlich stärker über die Stränge schlagen dürfen. Hier bleibt alles einen Tick zu brav. Trotzdem sehr unterhaltsam. STEAK DINNER (7,5/10) Ein lesbisches Pärchen, ein aufwändiges Dinner-Date, eine schleimige Überraschung. Statt Appetit auf Essen oder Liebe bringt Taylor Roadkill mit nach Hause. Aber halt, tot ist das von ihr angefahrene schneckenartige Mutantenmonster ja noch gar nicht! Deshalb widmet Taylor ihm nun auch alle Aufmerksamkeit, um es wieder auf die Beine bzw. zurück in die Schleimspur zu bringen. Was ihrer Freundin Casey gar nicht gefällt. Wer wird die Nacht überleben? Die Liebe füreinander oder für ein monströses … Ding? Der Film punktet einerseits massiv durch seine exzellenten Creature-FX, andererseits durch seine tragikomische Erzählung, die unter die Oberfläche „romantischer Liebe“ Marke Hollywood taucht. WHITCH (8/10) Ein wunderbarer Rausschmeißer: Pünktlich zu Halloween erscheint eine alte Frau, die sich selbst als Hexe definiert, im Haus einer - ihren Dekorationen zufolge - Horror-positiven Mutter und fordert sie auf, ihren Beitrag zum fälligen Teufelsbeschwörungsritual zu leisten, aka ihre kleine Tochter zu opfern. Dazu ist ebenjene Mutter allerdings absolut nicht bereit - woraufhin sich ein bizarrer Streit entfaltet. Auch, wenn der Ausgang der Geschichte hier nicht wirklich überraschend kommt, ist WHITCH ein echter Volltreffer. Insbesondere, da er die Figuren und ihre Reaktionen auf die bizarre Situation sensationell nachvollziehbar - und komisch - zeichnet. Doch: Ein sehr guter Jahrgang. Zwar wenig „gruselig“ oder schockierend splatternd, aber unglaublich unterhaltsam. Insgesamt 7,5 Punkte. | |
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt | 02.10.2025, 00:12 |