SALTBURN ohne Burnvon D.S. | Permalink |
Filme, die „den Reichen“ bösartige Marotten unterstellen, sind alles andere als ein neues Phänomen. Bereits in den 1970ern etwa zelebrierten DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE und DAS GROSSE FRESSEN die Niedertracht der Oberschicht voller Inbrunst und waren damit nicht die ersten. Auch MIT DER FAUST IN DER TASCHE von 1965, die Vorlage für den Film von Karim Aïnouz, verfolgt wohl einen ähnlichen Ansatz, der ist mir allerdings nicht bekannt. In der von dramatisch wachsenden sozialen Spannungen geprägten Jetztzeit jedoch ist daraus mit Werken wie TRIANGLE OF SADNESS, THE MENU oder natürlich der Serie THE WHITE LOTUS fast ein eigenes Subgenre geworden. Zu seinen sowohl bekanntesten als auch provokantesten Vertretern zählt sicherlich SALTBURN, der uns ins verkommene Herz einer exzentrischen englischen Aristokratenfamilie entführt und dabei speziell ihren Hang zu sexuellen Perversionen lustvoll beleuchtet. An ebenjenen Film erinnerte mich ROSEBUSH PRUNING bei fortschreitender Laufzeit immer mehr – nur leider kann er ihm, um es kurz zu machen, aus meiner Sicht nicht das (Bade)Wasser reichen. Was vor allem daran liegt, dass er keine Geschichte zu erzählen hat, die auf irgendein Ziel hinführt. Sondern sich stattdessen hauptsächlich darauf beschränkt, einen Tabubruch nach dem nächsten zu inszenieren. Darüber geht nicht nur jeder potentielle „sozialkritische“ Ansatz unter, es stellt sich nach einiger Zeit auch ein gehöriges Gefühl von Redundanz ein, und schließlich gar eine gewisse Monotonie. Die Handlung dreht sich dabei um eine ursprünglich sechs-, nach dem Abgang der Mutter nur noch fünfköpfige Familie mit erblindetem Vater und vier erwachsenen Kindern, die vor einigen Jahren aus den USA nach Spanien übergesiedelt ist. Man ist reich, man ist gelangweilt, man ist mindestens inzestuös eingefärbt und geriert sich offensiv pervers. Natürlich ist das alles großartig gespielt und gefilmt, und einzelne Szenen erzeugen in ihrer schonungslosen Darstellung maximaler moralischer Abgründigkeit ohne Frage große gallige Freude beim Betrachter. Die kaputten Schnösel, die. Ja. Irgendwann aber kann noch ein skandalöser Exzess, und noch einer, nicht mehr allzu große Reaktion beim Zuschauer auslösen. Fühlt sich ab einem gewissen Punkt recht erzwungen an. Als müsse eben immer noch eins draufgesetzt werden. Wodurch die vermutlich intendierte Schärfe der Narration interessanterweise verloren geht: Man betrachtet ein Panoptikum der Perversionen, das im Zuge der großen, lautstarken Schau schlussendlich fast jegliche inhaltliche Schlagkraft einbüßt. Und dem es übrigens auch an gelungenem Spannungsaufbau und der sonstigen dramaturgischen Finesse eines SALTBURN mangelt. Sehr eindimensional gezeichnete bzw. überzeichnete Figuren, sehr wenige echte Überraschungen in der Entwicklung der Handlung: Ein für mich final leider enttäuschender, sich nebenbei nahezu ungemütlich populistisch anfühlender Versuch, Lust an „Shock Value“ als auf sozialkritisch getrimmte Kunst zu verkaufen. Billig pöbelnd statt fein sezierend. Und ermüdend. 5 Punkte. | |
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt | 29.04.2026, 11:42 |
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