crazy

At the Place of Ghosts

Schmerzhafte Auseinandersetzung mit Schuld und Verlust im Folk-Horror-Gewand

von D.S.
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Kann man die Erlebnisse der Kindheit jemals wirklich hinter sich lassen? Den Hauptfiguren in diesem dezidiert indigen geprägten kanadischen Film ist das über Jahrzehnte nicht gelungen, die sprichwörtlichen Geister der Vergangenheit holen sie immer wieder ein. Genauer gesagt, ist es ein Geist, eine monströse Gestalt aus Knochen und Asche, die den Brüdern Mise'l und Antle erscheint und ihnen beständig näher rückt. Die beiden haben sich im Laufe der Jahre sehr voneinander entfremdet. Angetrieben von Mise'l, der die Mi'kmaw-Heimat gegen ein Leben in der Großstadt eingetauscht hat, müssen sie nun wieder zueinanderfinden – und eine Reise in die dichten Wälder unternehmen, in denen sie einst aufgewachsen sind, um die Wurzel ihres gemeinsamen Traumas ein für alle Mal freizulegen und zu beerdigen.

AT THE PLACE OF GHOSTS ist ein äußerst schwermütiges Werk, das sich phasenweise tatsächlich fast wie eine verfilmte Traumatheraphie anfühlt. Dabei macht ihn nicht nur die ungemein dichte Atmosphäre sehenswert, die von einem bewegenden Score und wunderschönen Naturbildern unterstützt wird: Insbesondere ist es das hier explorierte Konzept von Zeit, das den Film zu einer so interessanten wie intensiven Erfahrung macht. Auf der Wanderung der Brüder gibt es kein Gestern und Heute, vielmehr offenbart sich Zeit als lebendiger Organismus, in dem verschiedenste Epochen gleichzeitig nebeneinander existieren und miteinander interagieren. Schon bei ihrer ersten Rast sehen sich Mise'l und Antle plötzlich mit feststofflichen Versionen ihrer selbst als Kinder konfrontiert. Je tiefer sie in den verwunschenen Wald vordringen, desto weiter führt ihre Reise in die Geschichte ihrer Vorfahren, ihres Volkes zurück. Deren und dessen Erlebnisse werden zu ihren eigenen, mit überaus realen Konsequenzen.

Wenngleich die Geister des Filmtitels überwiegend metaphorischer Art und klassische Horrormomente hier rar gesät sind, kann der nachhaltig beklemmende Slowburner allemal empfohlen werden – zumindest Menschen mit ausreichend Geduld, sich darauf einzulassen.
D.S.

29.07.2026, 18:20



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