crazy

Leviticus

Instant Conversion Therapy

von Herr_Kees
Permalink
Der junge Naim ist gerade erst in das kleine australische Industriekaff gezogen und hat noch keine Freunde gefunden. Da macht ihm der coole Ryan überraschend Avancen. Die beiden machen erst Jungenszeugs, dann entdecken sie ihre Gefühle füreinander. Aus einer Rangelei wird ein erster Kuss, sie treffen sich öfter, heimlich. Denn ihre Familien sind in einer streng religiösen Gemeinde eingebunden und Homosexualität wird nicht geduldet (das „Buch Leviticus“ enthält u. a. alttestamentarische Moralgebote und „Reinheitsgesetze“). Als ihre Beziehung auffliegt, werden die jungen Männer einem „Umpolungsritual“ unterworfen, das einem Exorzismus gleicht, aber quasi genau den umgekehrten Effekt hat: Von nun an werden die beiden von einem Dämon heimgesucht, der für andere unsichtbar ist und ihnen nur begegnet, wenn sie alleine sind.

Gäbe es zu Beginn des Films nicht eine Szene mit einem Todesfall durch eine nicht sichtbare Entität, könnte man lange glauben, man sähe hier ein queeres Coming-of-Age-Drama im verschärften Rahmen einer radikal religiösen Kommune. Damit ist allerdings auch der Kern des Films schon beschrieben – das Horrorelement ist hier mal wieder mehr Metapher als Monster. LEVITICUS wird erst in seinem spannenden und auch blutigen letzten Akt zu einem echten Genrefilm.

Nicht, dass er bis dahin langweilen würde, die Liebesgeschichte zwischen Naim und Ryan ist sensibel und glaubhaft dargestellt. Joe Bird (TALK TO ME) spielt Ryan mit einer Mischung aus Verletzlichkeit, Verunsicherung und ein wenig Verschlagenheit, die nicht nur wegen der Optik an Barry Keoghan denken lässt. Stacy (!) Clausen hat eine sehr starke Präsenz zwischen Macho-„Jock“ und zärtlichem Liebhaber, ein wenig wie der junge Jesse Eisenberg, nur mit selbstbewussterer Haltung. Mia Wasikowska ist die liebende, aber konsequent strenge Mutter, die nur das Beste für ihren Sohn will und mit dieser Rechtfertigung mit das Schlimmste macht, was man seinem Kind antun kann.

Was dem Film ganz ausgezeichnet gelingt, ist das unangenehme Gefühl zu vermitteln, etwas Falsches zu tun, wo man doch seiner Liebe und Leidenschaft nachgeht. Die potenzielle Gefahr, der viele queere Menschen auch heute noch ausgesetzt sind – und zwar nicht nur im australischen Hinterland, sondern auch in deutschen Großstädten – schwebt drohend über dem gesamten Film.

Was dem Film weniger gelingt, ist sein Horrorpart. Zwar gibt es atmosphärisch durchaus IT FOLLOWS Vibes, doch einige Szenen sind etwas unbeholfen konstruiert, Personen tun Dinge, die wenig Sinn machen, weil sie eben im Drehbuch stehen. Das ist im Horrorfilm nichts Neues, im „elevated horror“, mit dem wir es hier zu tun haben, jedoch eigentlich unter dem sonstigen Niveau und Anspruch des Films. Das Ende wiederum ist angemessen ambivalent, wie es sich für einen guten Genrefilm gehört – so hat der Film die Chance, noch etwas nachzuwirken.
Herr_Kees
sah diesen Film im Gloria 2, Stuttgart

10.09.2026, 14:35



Weitere Informationen (externe Links):
Unterstütze f3a.net durch eine(n) Leihe/Kauf bei unseren Partnern. #VerdientProvisionen