Klingt besser, als er istvon D.S. | Permalink |
Henry Chaisson hat das Drehbuch für ANTLERS geschrieben, der 2021 von recht großem Hype begleitet wurde, mich aber etwas enttäuscht hat, da er zwar atmosphärisch stark ist und einige beeindruckende Bilder liefert, sich in seiner Story jedoch im Ungefähren verliert. Ähnliches gilt nun leider auch für sein Langfilm-Regiedebüt RECLUSE, der auf der FFF-Website als „ein Geisterfilm, der nicht erschrecken will, sondern verfolgt“ angekündigt wird. Was hier verfolgt werden, also über die Sichtung hinaus im Gedächtnis bleiben soll, erschließt sich mir leider nicht wirklich. Denn RECLUSE ist zwar sicher kein schlechter Film, er hat aber genauso sicher nichts Ungewöhnliches, Überraschendes, Herausragendes zu bieten. Nichts, das hängenbleiben würde. Abgesehen vielleicht vom Sounddesign, das tatsächlich begeistern kann und enorm effektiv ist. Dessen war sich der Regisseur wohl durchaus bewusst, denn er setzt es über die gesamte Laufzeit hinweg prominent ein. Worüber ich mich nicht beschweren will, denn es sorgt an allererster Stelle für eine dichte, oft bestechend düstere Atmosphäre, welche die größte Stärke des Films ist. Passenderweise arbeitet die Hauptfigur, Joan, als Toningenieurin und Foley Artist. Was gleich zu Beginn der Handlung Gelegenheit gibt, tiefer in die Bedeutung und potentielle Kraft von Filmton einzutauchen. Joan kommt aus einer künstlerisch veranlagten Familie: Ihr zurückgezogen lebender Vater ist ein so bekannter wie umstrittener Maler und Bildhauer, zu dem sie den Kontakt jedoch schon lange abgebrochen hat. Als sie erfährt, dass er bei einem Unfall / Mordversuch / Selbstmordversuch – man weiß es nicht – in Flammen aufgegangen ist, besucht sie erstmals seit langer Zeit wieder das Elternhaus, in dem dereinst ihr kleiner Bruder tragisch verstorben ist und nun ihr Vater halbtot, mit Gipsmaske über dem Gesicht, im Sterbebett liegt. Behütet und argwöhnisch mit gespannter Armbrust bewacht wird er von Haushälterin und Familienfreundin Lydia (angemessen undurchschaubar gespielt vom führenden „Adams Family“-Mitglied Toby Poser). Der Besuch der Stätte ihrer Kindheit löst in Joan einiges aus, nicht zuletzt, was ein Erinnern ihrer Familiengeschichte und der dazugehörigen Tragödien betrifft – von denen im Verlauf des Films noch einige mehr offenbart werden. Mitunter erscheint es ihr jedoch so, als sei sie in einen Albtraum eingetaucht: Erinnerungen und Träume vermischen sich mit Geräuschen, Eindrücken, Geschehnissen, die nicht in Einklang mit der Realität zu bringen sind und in ihr langsam das Gefühl erwecken, hier sei Übernatürliches im Spiel, bösartige Geister am Werk. Mit ihr macht sich der Film daran, zu ergründen, was dahintersteckt – und aufzuklären, was wirklich hinter den vergangenen Familientragödien sowie dem Fast-Tod ihres Vaters liegt. Das geschieht auf eine Weise, die zwar audiovisuell mitunter durchaus zu fesseln weiß: Neben dem intensiven Sounddesign punktet RECLUSE mit ein paar wirklich starken Bildmotiven. Allerdings verzichtet die Narration nur allzu oft darauf, das Geschehen auf der Leinwand unmittelbar fürs Publikum nachvollziehbar zu machen, indem wir ohne Erklärungen für den Zusammenhang bzw. die Bedeutung des gerade Gesehenen hinterlassen werden. So erschließt sich die Story nur schwer, was sicherlich auch daran liegt, dass die Dialoge akustisch teils kaum verständlich sind. Fataler wird es jedoch, wenn der Film endlich doch alles erklärt und seine Auflösung offenbart. Die entpuppt sich nämlich als äußerst kleingeistig, im Sinne von: an den Haaren herbeigezogen, billig, lächerlich, dem bis dahin aufgebauten Mysterium absolut nicht gerecht werdend. Diese Konklusion lässt die gesamte Handlung im Nachgang äußerst unbefriedigend, den Film als solches sehr enttäuschend wirken. Denn sie wählt den simpelsten, schon viel zu oft beschrittenen Weg. Schade: Auf der „technischen“ Ebene kann RECLUSE einiges. Auf der inhaltlichen, zusammengefasst betrachtet, umso weniger. Insgesamt ergibt das für mich sehr knappe 6 Punkte. | |
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt | 02.10.2026, 00:38 |
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