Unhappy Birthdayvon D.S. | Permalink |
Ein finanziell nicht gerade ideal aufgestellter Bauernhof inmitten tiefster französischer Provinz-Tristesse, betrieben von einem auf den ersten Blick uninteressant ungleichen Ehepaar. Ein kläffender Köter. Stoisch dreinschauende Kühe. Würde die vor sich hinmalende Nachbarin Cristina nicht gerade von Monica Bellucci gespielt werden, fände man hier zunächst nur wenig Grund, genauer hinzugucken. Spätestens als Nora, die business-schick gekleidete Frau des Landwirts, sich bei einer Zigarettenpause mit ihren Kolleginnen nervös über ihre Chancen auf eine Beförderung auslässt, beginnt man sich dann ernsthaft Sorgen zu machen, ob THE BIRTHDAY PARTY wohl ein unterhaltsamer Festivalbeitrag sein wird. Aber natürlich hat die anfangs äußerst gemächliche Inszenierung des Unspektakulären System: Regisseurin Léa Mysius, die zuvor bereits mit THE FIVE DEVILS auffiel und als Drehbuchautorin nicht zuletzt am zweifachen Oscar-Gewinner EMILIA PÉREZ mitgewirkt hat, wiegt uns in trügerischer Sicherheit. Als das Geschehen schließlich Fahrt aufzunehmen beginnt, als Vergangenheit, Gegenwart, Lügen und böse Wahrheiten in einer immer schmerzhafteren Konfrontation zwischen dem Paar und drei ungebetenen Gästen eskalieren, wirkt diese umso überraschender, unkontrollierter, intensiver. Aus dem behäbigen Alltagsdrama wird binnen kurzer Zeit ein aufreibender Home-Invasion-Thriller – dessen Plot durch unvorhersehbare Enthüllungen verfeinert wird, die zuvor etablierte Gegebenheiten in ein ganz neues Licht rücken und so für gesteigerte Aufmerksamkeit beim Publikum sorgen. Den Handlungsrahmen bildet dabei, wie der internationale Filmtitel nahelegt, eine Party anlässlich des 40. Geburtstags von Nora, die ihr Mann Thomas auf dem Bauernhof ausrichtet. Seltsamerweise hat er zu dieser neben der Nachbarin nur zwei Kolleginnen von Nora eingeladen – aber der Gästemangel kippt bald ins Gegenteil um, als zwei bedrohliche, bewaffnete Unsympathen zunächst Cristina in ihre Gewalt bringen und dann, gemeinsam mit ihrem Anführer Franck, die Party maximal crashen. Während sie sich Zeit lassen, zu offenbaren, was genau sie eigentlich wollen, verbreiten sie unter ihren Geiseln stetig wachsende Beklemmung und Angst. Als Nora es endlich auch zu ihrer nicht mehr feierlichen Feier schafft, erlebt diese einen Höhepunkt, der wenig mit Sekt und Konfetti zu tun hat … Der französische Originaltitel HISTOIRES DE LA NUIT ist meiner Meinung nach nicht nur attraktiver als das nüchterne THE BIRTHDAY PARTY, sondern auch treffender. Vermittelt er doch, dass hier spannende Geschichten erzählt werden, und das ist zweifellos der Fall. Spannend sind sie insbesondere, weil die oben erwähnten Enthüllungen ja nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen müssen. Als Betrachter*innen werden wir über einen guten Teil der Laufzeit vor die Wahl gestellt, ob wir ihnen Glauben schenken möchten oder nicht. Die jeweilige Entscheidung hat großen Einfluss auf die individuelle Wahrnehmung der Handlungsentwicklungen. Die Frage, was denn nun tatsächlich hinter den Charakteren und ihren Behauptungen steckt, sorgt für zusätzliche Spannung in einem Film, der allein durch sein Szenario und seine souverän adrenalintreibende Inszenierung das Publikum ohnehin an die Leinwand bannt. Nachdem der eher zähe Beginn einmal überwunden ist. Keine Offenbarung, nichts sensationell Neues, aber ein doch durchaus interessanter, intensiver, atmosphärisch hart unangenehmer Crime-Thriller. Gut gespielt. Für Fans des Genres allemal empfehlenswert. Gute 6,5 Punkte von mir. | |
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt | 03.10.2026, 01:36 |
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