Irréversible

Realität pur

von Niki Wurster
Der folgende Review enthält SPOILER!
Der Hammer schlechthin, besonders wenn ich dran denke, dass wir ihn eigentlich garnicht sehen wollten, weil wir von MEMENTO so enttäuscht waren. Die Überraschung und der beste Film des Festivals.

Gaspar Noe ist ein Guter. Kann auch kein schlechter sein, wenn er Kubricks A CLOCKWORK ORANGE und Scorseses TAXI DRIVER so lieb hat wie ich (sind in meinen Augen die besten Filme aller Zeiten). Dass das so ist, merkt man IRREVERSIBLE sehr stark an. Die Credit Sequence ist praktisch Kubricks CLOCKWORK ORANGE Trailer on Acid. Die Mord-Szene im Gay Club "Rectum" ist Gaspars upgedatete Version des Showdowns in TAXI DRIVER. Upgedated in Sachen Härte und damit angepasst an das heutige Niveau der Screen Violence. Auch auf andere Werke Kubricks (EYES WIDE SHUT und 2001) wird immer wieder angespielt. Tarantinoesk nimmt Gaspar in der Opening Sequence (die beiden älteren Herren auf dem Bett) Bezug auf sein intensives Spielfilm-Debut SEUL CONTRE TOUS. Gaspar hat Geschmack und weiss wie mans macht.

Kaum ein Film hatte jemals zuvor eine Form (Kamera, Sound und die umgekehrte Erzählstruktur à la MEMENTO), die dem Inhalt so perfekt entsprach. Der Zuschauer ist praktisch Gefangener der Psyche Marcus’ (genial wie immer: Vincent Cassel). Gaspar überträgt Marcus’ gegenwertigen seelischen Zustand durch Bild und Ton auf den Betrachter. Man verschmilzt, wird Teil des Geschehens. Das ging wirklich so weit, dass mir zu Beginn des Films durch die niemals still stehende Handkamera und deren kreisende, wirbelnde Bewegungen richtig physisch schlecht war. So muss sich auch Marcus gefühlt haben, angesichts dessen, was er in dieser Nacht gesehen, empfunden und erlebt hat. Die Location des Schwulenclubs und die Leute die ihn ständig zum fisten, ficken und blasen auffordern machen ihn krank und verschlimmern seinen Zustand nur noch mehr. Der Zuschauer erlebt das alles mit. Diese aufgestaute Energie entläd sich dann letztendlich während des Mords an dem vermeintlichen Vergewaltiger von Marcus’ Freundin Alex (die göttliche Monica Bellucci). Die Grausamkeit des Mordes ist in diesem Moment für den Zuschauer noch völlig unverständlich und überwältigend. Erst später kann man Marcus verstehen, wenn man nach und nach erfährt, was ihn zu dieser Tat geführt hat. Was ihn vom Mensch zum Tier werden ließ.

Zu verraten, wie sich die Geschichte entfaltet, wäre eine Sünde. Die Erzählstruktur hat in IRREVRRSIBLE Funktion und ist nicht nur ein dummes Gimmick oder ein Rip-off des unglaublich überbewerteten MEMENTOS. Ohne sie würde der Film nicht funktionieren und seine Kraft verlieren. Jedes Detail das man gegen Ende de Films erfährt, lässt die ohnehin schon unerträgliche Vergewaltigung Alex’ noch unmenschlicher und schrecklicher werden.

Die Hardcore-Sex-Einlagen sind nicht exploitationhaft wie in dem endlos schlechten BAISE-MOI, sondern haben Sinn und Daseinsberechtigung: Sie dienen dazu, dem Film noch mehr Realiät zu verleihen. Was man im Film sieht, würde man auch in Wirklichkeit sehen, wäre man zur selben Zeit im selben Raum. IRREVERSIBLE ist nicht um diese Szenen herumgestrickt, sondern behandelt sie ganz Nebensächlich, wie eine rote Vase auf einem Tisch im Hintergrund. Nacktheit und Sexualität ist hier etwas Natürliches und wird auch so behandelt. Wenn Marcus und Alex nackt im Bett liegen, so kommt das ganz natürlich rüber, nichts wird absichtlich vom Laken oder einem gekünstelten Kamerawinkel verdeckt.

Die Darsteller sind einfach unglaublich. Das Casting von Vincent Cassel und Monica Bellucci ist essentiell für das Gelingen von IRREVERSIBLE. Nur ein Real-Life Pärchen kann solch intime Szenen wie sie das Drehbuch verlangt, überzeugend rüberbringen. Das hat Gaspar ebenfalls von Kubrick gelernt. Da der Film lediglich 12 (sichtbare) Schnitte hat, sprich aus wenigen extrem langen Kamerafahrten besteht, wurde vermutlich ein grosser Teil der Dialogszenen improvisiert. Das Ergebnis ist umwerfend, die Energie sprüht nur so von der Leinwand. Ein erschreckend und realer lebendiger Film, der eine Geschichte erzählt, die jedem einzelnen von uns genauso passieren könnte. Ein kontroverses Meisterwerk und nun einer meiner All-Time Favorites.
Niki Wurster
sah diesen Film im Metropol, Stuttgart

08.08.2002, 15:08



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