Roqia

A different man

von Herr_Kees
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Exorzist Cheikh leidet unter Alzheimer und hat vielleicht auch einen Exorzismus zu viel durchgeführt, was seinem Exorzismuspartner Slimani Sorgen bereitet. Ahmed kommt nach einem Unfall, bei dem er sein Gedächtnis verloren hat, nach Hause. Als er beginnt, sich an sein früheres Leben zu erinnern, wird es problematisch.

Die Exorzismusgeschichte von Yanis Koussim spielt vor dem Hintergrund des algerischen Bürgerkriegs Anfang der 1990er, der durch seine politische Polarisierung selbst Freunde und Nachbarn spaltete. Ohne dieses Hintergrundwissen dürfte man in diesem Film, der in drei Kapiteln auf zwei Zeitebenen spielt, jedoch einigermaßen aufgeschmissen sein. Denn man wird hier immerhin mit einer fremden Kultur, exotischen Exorzismusriten, undurchsichtigen Personenbeziehungen und einer Politparabel sowie plakativen Erinnerungsmetaphern gleichzeitig konfrontiert. Das macht den Film schwer zugänglich und sein Erzähltempo trägt auch nicht gerade zu einfachem Konsum bei.

Wer sich echten Grusel vor politischem Hintergrund wie beispielsweise beim iranischen UNDER THE SHADOW (2016) erhofft, wird eher enttäuscht sein, als Genrefilm taugt ROQIA mit seinen redundanten Besessenheitsszenen, seiner ständigen Wackelkamera in viel zu dunklen Räumen und seinem ungelenk erzählten Ende leider wenig.
Herr_Kees
sah diesen Film im das Metropol, Stuttgart

12.09.2025, 00:09


Algerische Alpträume

von Leimbacher-Mario
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Geister-, Dämonen-, Exorzismus- aber vor allem Faschismus(!)-Horror aus Algerien, wenn die besessenen Taten eines Familienvaters noch Jahrzehnte bis ins Heute nachwirken…

Früher war nicht alles besser…

„Roqia“ war einer der Exoten auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest und auf dem sonntäglichen Mitternachtsslot völlig falsch gelegt. Aber das muss man den Veranstaltern vorwerfen, nicht dem Werk. Nur leider hätte mich diese algerisch-dämonische Parabel wahrscheinlich zu keiner Zeit des Tages so richtig gefesselt und begeistert. Es gibt gleich zwei Erzählebenen und darin auch gleich zwei glaubhafte, meist authentische und sympathische Pärchen und Familien - was die Enden und Magenschläge eigentlich noch böser und drastischer machen sollte, als sie es eh schon sind zwischen Religion, Faschismus, Terrorhölle und Wahnsinn. Aber irgendwie konnte „Roqia“ in meinem Herzen diese Kraft und seinen Exotenbonus nie genug in Spannung oder Schock umwandeln. Und wenn's dann ernst wird, hatte zumindest ich gedanklich und emphatisch leider schon etwas abgeschaltet. Ob das an meinen fehlenden Kenntnissen über den Islam, über muslimische Dämonen(austreibung) oder (wesentlich menschlicher) über die gesellschaftspolitischen Schatten Algeriens liegt? Wahrscheinlich teilweise ja. Und trotzdem hätte „Roqia“ viel mehr tun, zeigen und investieren müssen, um seine sicher ehrenwerten Themen, Absichten und Schocks bissiger und bleibender zu platzieren. Für Algerien ist das vielleicht gut. Für die internationale Bühne ist das zu begrenzt.

Woher kommt das Böse … und wo bleibt es?!

Fazit: Algerisches Aberglaubenallerlei… Schattig, bitter, (gesellschaftspolitisch wie religiös) im eigenen Sud am köcheln. Nicht meins. Obwohl die Figuren glaubhaft sind und somit das Ende doppelt und dreifach hart in die Magengrube trifft… Trotzdem für mich auf mehreren Ebenen „nur“ ein lokaler Erfolg.
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

22.09.2025, 01:10


Die Dämonen der Vergangenheit

von D.S.
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Algerien in den frühen Neunzigern. Bei einem katastrophalen Unfall hat Familienvater Ahmed das Gedächtnis verloren, sein Kopf ist komplett einbandangiert, sein jüngster Sohn erkennt ihn nicht mehr wieder und hat sogar Angst vor ihm. Er selbst kann sich nicht nur nicht mehr daran erinnern, was er früher gemacht hat: er weiß auch nicht, was er in seiner jetzigen Verfassung mit sich anfangen soll, und tut sich schwer damit, seinen Platz in der Welt zu finden. Das spielt aber bald keine große Rolle mehr – denn diese beginnt sich Schritt für Schritt in eine geradezu dämonische Monstrosität zu verwandeln, nachdem er bei einem Ausflug in die Natur mit seinem früheren besten Freund plötzlich ein rätselhaftes Flüstern vernimmt …

So leicht nachvollziehbar, wie diese Schilderung wirkt, gestaltet sich die Narration des Films nicht - tatsächlich macht sie es dem Publikum sehr schwer, ihr zu folgen, und trägt so dazu bei, dass er vielfach als spröde und verkopft wahrgenommen wird. Seine Handlung ist in vier Kapitel mit zwei verschiedenen Zeitebenen aufgeteilt, und der fürs Verständnis der Gesamtgeschichte relevanteste Teil, den ich oben in Ansätzen beschrieben habe, findet sich erst im dritten davon.

Nach einem äußerst hektisch gefilmten und geschnitten Intro, in dem Anfang der 1990er in einem algerischen Wüstenort Milizionäre unbewaffnete Zivilisten an die Wand stellen und erschießen, folgt ein längerer Abschnitt, der in unserer Gegenwart spielt. Hier lernen wir einen alten, bereits leicht zur Demenz neigenden Exorzisten und seinen Helfer kennen, die sich mit einer unerklärlichen Welle blutiger Gewalttaten konfrontiert sehen. Es wirkt nicht so, als würden sie ihr etwas entgegensetzen können - vor allem, da sie nicht wissen, wo sie nach ihrer Wurzel suchen sollen. Nach einem besonders schockierenden Zwischenfall wechseln wir zur einleitend geschilderten Handlung, die zunächst keinerlei Zusammenhang zum Vorgehenden erkennen lässt. Das einzige verbindende Element ist das rätselhafte Flüstern, das in beiden Kapiteln zu vernehmen ist. Doch was es bedeutet, wird erst ganz zum Ende ersichtlich … bevor der Film für ein kurzes Finalkapitel noch einmal in die Gegenwart springt. Als sich hier nun schließlich alle Puzzleteile zusammenfügen, verpasst einem die Erzählung einen wuchtigen, schmerzhaften Tritt in die emotionale Magengrube. Und lässt einen fast sprachlos zurück.

Yanis Koussims Film funktioniert neben der Genrefilm- auch auf einer sozio-politischen Ebene, auf der er eindringlich vor dem Erstarken fundamentalistisch religiöser Kräfte warnt - was durch eine Texteinblendung vor Beginn des Abspanns noch einmal verdeutlicht wird. Durch seine komplizierte Erzählstruktur sowie seine Verankerung in einem Kulturkreis und einer Historie, die den meisten von uns eher fremd sein dürften, ist er sicher nicht fürs fröhliche Nebenbei-Gucken geeignet, sondern erfordert Aufmerksamkeit und „Mitarbeit“. Kann man beides aufbringen, erweist er sich jedoch als so spannend wie vor allem eigenständig. Und damit als allemal sehenswert. 6/10.
D.S.

27.09.2025, 20:29




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