Letztes Jahr nimmt Maria hartvon Leimbacher-Mario | Permalink |
Dass sich Arthouse und Shockvalue nicht ausschließen müssen beweist der ganz bewusste Tabubrecher „Rosebush Pruning“, in dem wir einer ultrareichen, ultrafaulen und ultrapervertierten amerikanischen Familie folgen, die in Spanien lebt und sich mit ihrem eigenen Erbgut - seelisch wie körperlich! - herumschlägt… Rosen die pieksen, beißen sich „Rosebush Pruning“ ist ein eleganter, ja fast arroganter Genrebastard. Und das steht ihm gut! Edel MUBI-produziert, das spürt man. Auch vom Land NRW teilfinanziert - kein rausgeschmissenes Geld, würde ich behaupten. Sets, Sex, Sinnlichkeit. Cooler, pushender Soundtrack. Bittersüß. Kaputt, krank, (nicht zu) krampfhaft. Missbrauch, Marken und Märchen. Gekipptes Melodrama. Faulende Fruchtbarkeit. Elle Fanning ist ein ganz wunderbares, einzigartiges Früchtchen zum Anbeißen. Die Herren sind aber allesamt auch nicht ohne. Natürlich nur mit strahlend weißen Zähnchen. „Rosebush Pruning“ ist an den richtigen Stellen getrimmt. Dickpics & Dark Darlings. Katalonien ist ganz wunderbar. Die Farben leuchten. Visuelle Opulenz. Das queere Kino pulsiert. Mysteriös, magisch, manisch. Inzest im Test Fazit: Blut ist sicker als Wasser. Geschwisterliebe, Geschwistertriebe, Geschwisterhiebe. Stylisch, pervers, tabulos. Recht reizend. Pepperburn. | |
sah diesen Film im Residenz, Köln | 17.04.2026, 21:25 |
Reviewvon PinkyHH | Permalink |
Hab mich im Vorfeld extra wenig über diesen Film informiert. Sah nur die wirklich gute Besetzung, und die vielversprechende Beschreibung las sich ebenfalls gut. Also rein ins Kino. Der Film führt einen tief in eine Familie ein, mit der man im realen Leben nicht unbedingt was zu tun haben möchte. Irgendwie haben alle gewaltig einen an der Klatsche. Den Leuten bei ihren irren Aktionen oder Gitarre spielen, zuzuschauen, macht auf jeden Fall Spaß. Die Dialoge habe ich ebenfalls genossen – auch die halbwegs sinnfreien Sinnsprüche. An einigen Stellen war es hilfreich, dass der Film deutsche Untertitel hatte. Von einem Tabubrecher würde ich hier noch nicht reden – da gibt’s härtere Kost. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass in ländlichen Gegenden Baden-Württembergs Familien wie diese in der freien Wildbahn vorkommen. Auf jeden Fall ein humoriger Film – sehr zu empfehlen! Ach ja und bitte auch den Abspann über sitzen bleiben... | |
sah diesen Film im Savoy, Hamburg | 18.04.2026, 22:28 |
„When a banana falls, it doesn't matter; when a melon falls, it's over“von Herr_Kees | Permalink |
„Die Familie ist der Rosenstock und der Rosenstock muss gestutzt werden“, so lautet eines der fiktiven Sprichwörter, die sich Ed (Callum Turner) ausgedacht hat. Ed ist Spross einer Familie von (Selbsteinschätzung:) reichen Schnöseln (u. a. Riley Keough, Tracy Letts und Pamela Anderson als bereits verstorbene Mutter), die sich nur für Mode und Musik interessieren und von denen jede/r mindestens eine psychische Störung hat. Ed hat schon mal einen Tag um eine ausverkaufte „Comme des Garcons“-Tasche geweint, Jack ist geil auf Blut, Robert ist scharf auf Jack. Inzestuöse Beziehungen und Intrigen bestimmen das Zusammenleben, von einer dysfunktionalen Familie mag man schon gar nicht mehr reden, in dieser Gesellschaft würde sich wohl selbst Patrick Bateman etwas unwohl fühlen. Als der noch als einigermaßen „normal“ geltende Bruder Jack (Jamie Bell) plant, mit seiner Freundin Martha (erneut in einer wunderbaren Nebenrolle: Elle Fanning) zusammenzuziehen, wird die Familiendynamik plötzlich tödlich. Die Dinnerszene, in der Martha der Familie vorgestellt wird, ist reine Folter für alle, die Wert auf gesellschaftliche Konventionen legen und sich schnell mal fremdschämen. Wer Freude an der Grenzüberschreitung hat, wird sich hier allerdings prächtig amüsieren. Ein sardonischer, extrem bitterer Humor durchzieht den Film, der mehr als absurde Komödie funktioniert denn als Thriller. Inspiriert ist ROSEBUSH PRUNING von Marco Bellocchios sozialkritischem Familendrama MIT DER FAUST IN DER TASCHE von 1965, gescriptet wurde er von Efthymis Filippou, der einige der wichtigsten Filmdrehbücher der „Greek New Wave“ verantwortete und seit 2009 einer der Hausautoren von Yorgos Lanthimos ist. So erinnert ROSEBUSH PRUNING vor allem an Lanthimos' etwas sperrigere und grausamere Werke wie DOGTOOTH und auch THE KILLING OF A SACRED DEER. Man darf sich nicht von den plakativen Bildern und den Almodóvar-haft bunten Farben täuschen lassen: In seinem Herzen ist dieser Film eiskalt. | |
sah diesen Film im das Metropol, Stuttgart | 24.04.2026, 11:17 |
SALTBURN ohne Burnvon D.S. | Permalink |
Filme, die „den Reichen“ bösartige Marotten unterstellen, sind alles andere als ein neues Phänomen. Bereits in den 1970ern etwa zelebrierten DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE und DAS GROSSE FRESSEN die Niedertracht der Oberschicht voller Inbrunst und waren damit nicht die ersten. Auch MIT DER FAUST IN DER TASCHE von 1965, die Vorlage für den Film von Karim Aïnouz, verfolgt wohl einen ähnlichen Ansatz, der ist mir allerdings nicht bekannt. In der von dramatisch wachsenden sozialen Spannungen geprägten Jetztzeit jedoch ist daraus mit Werken wie TRIANGLE OF SADNESS, THE MENU oder natürlich der Serie THE WHITE LOTUS fast ein eigenes Subgenre geworden. Zu seinen sowohl bekanntesten als auch provokantesten Vertretern zählt sicherlich SALTBURN, der uns ins verkommene Herz einer exzentrischen englischen Aristokratenfamilie entführt und dabei speziell ihren Hang zu sexuellen Perversionen lustvoll beleuchtet. An ebenjenen Film erinnerte mich ROSEBUSH PRUNING bei fortschreitender Laufzeit immer mehr – nur leider kann er ihm, um es kurz zu machen, aus meiner Sicht nicht das (Bade)Wasser reichen. Was vor allem daran liegt, dass er keine Geschichte zu erzählen hat, die auf irgendein Ziel hinführt. Sondern sich stattdessen hauptsächlich darauf beschränkt, einen Tabubruch nach dem nächsten zu inszenieren. Darüber geht nicht nur jeder potentielle „sozialkritische“ Ansatz unter, es stellt sich nach einiger Zeit auch ein gehöriges Gefühl von Redundanz ein, und schließlich gar eine gewisse Monotonie. Die Handlung dreht sich dabei um eine ursprünglich sechs-, nach dem Abgang der Mutter nur noch fünfköpfige Familie mit erblindetem Vater und vier erwachsenen Kindern, die vor einigen Jahren aus den USA nach Spanien übergesiedelt ist. Man ist reich, man ist gelangweilt, man ist mindestens inzestuös eingefärbt und geriert sich offensiv pervers. Natürlich ist das alles großartig gespielt und gefilmt, und einzelne Szenen erzeugen in ihrer schonungslosen Darstellung maximaler moralischer Abgründigkeit ohne Frage große gallige Freude beim Betrachter. Die kaputten Schnösel, die. Ja. Irgendwann aber kann noch ein skandalöser Exzess, und noch einer, nicht mehr allzu große Reaktion beim Zuschauer auslösen. Fühlt sich ab einem gewissen Punkt recht erzwungen an. Als müsse eben immer noch eins draufgesetzt werden. Wodurch die vermutlich intendierte Schärfe der Narration interessanterweise verloren geht: Man betrachtet ein Panoptikum der Perversionen, das im Zuge der großen, lautstarken Schau schlussendlich fast jegliche inhaltliche Schlagkraft einbüßt. Und dem es übrigens auch an gelungenem Spannungsaufbau und der sonstigen dramaturgischen Finesse eines SALTBURN mangelt. Sehr eindimensional gezeichnete bzw. überzeichnete Figuren, sehr wenige echte Überraschungen in der Entwicklung der Handlung: Ein für mich final leider enttäuschender, sich nebenbei nahezu ungemütlich populistisch anfühlender Versuch, Lust an „Shock Value“ als auf sozialkritisch getrimmte Kunst zu verkaufen. Billig pöbelnd statt fein sezierend. Und ermüdend. 5 Punkte. | |
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt | 29.04.2026, 11:42 |
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