Serbische Staubschwerter schwingen sensationellvon Leimbacher-Mario | Permalink |
Das für mich vor dem Fantasy Filmfest größte Fragezeichen. Ein wilder Genremix aus Serbien. Überambitioniert? Trashig? Schlecht? Nichts von alledem zum Glück! „Son's Will“ aka „Sword of Vengeance“ trägt Spuren von „Okami“, vom „Road Warrior“, von „Blade Runner“, von „Dredd“, von Western, Eastern wie Sci-Fi in sich und erzählt dennoch originär serbisch aus einer postapokalyptischen Zukunft zwischen Tyrannen von Megacities, toxischen Wastelands, staubigen Tavernen und stoischen Schwertkämpfern… Mad Max' serbischer Schwippschwager „Sword of Vengeance“ ist eine der positivsten Überraschungen auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest, denn das hätte auch ganz gehörig in die B-Movie-Hose gehen können. Ist es aber zum Glück nahezu null! Klar, hier und da sieht man an übersichtlichen oder gar fehlenden Actionhighlights, dass es sich um eine kleine osteuropäische Produktion handelt, die über Jahre mit viel Leidenschaft durchgezogen wurde. An manch einem steiferen Schauspiel auch. Und an der Kurzweile und Kompaktheit der Erzählstruktur könnte man sicher ebenso noch feilen. Und trotzdem habe ich vor diesem serbischen Genremix und Racheepos (!) maximalen Respekt - und ich hatte echt satte und spaßige (über) zwei Stunden! Die meisten der Effektshots der dystopischen Städte und Landschaften sehen unfassbar gut aus - nicht nur für das Budget und Niveau! Der Look und die Haptik + Körnigkeit des Bildes allgemein - mehr als stabil! Die richtige Mischung aus Ernsthaftigkeit, Exploitation, Epik und Emmentaler passt auffällig. Das Worldbuilding macht mehr her als die letzten vier Zack Snyder-Filme zusammen. Interessant, dreckig, lived-in. Ein paar serbische Sagen und Sitten noch rein. Warum denn nicht. Insgesamt spielt die Produktion weit über ihrer eigentlichen Liga und dem was man erwarten würde. In nahezu jedem Aspekt. Das ist schlicht verrückt, was die Serben aus ihren Mitteln hier machen. Manch einen CGI-Blutspritzer hätte ich gerne noch aus dem Bloodpack gesehen. Und etwas mehr Freizügigkeit und Tempo hätten es in einem solchen Szenario zwischen Megastadt und Donnerdom schon sein dürfen. Aber insgesamt rockt das gehörig - von der eröffnenden animierten Sequenz über einige Mann-gegen-Mann-Duelle bis zu einem fiesen Bösewicht, dem geilen Schwert, dröhnenden Synthsoundscapes und einer feinen, musikalischen Klammer um die eigentliche Heldenreise. Da kann und will ich echt nicht meckern. Trotz der genannten Defizite. Das ist weit über TV-Niveau - egal in welchem Land. Darauf kann Serbien stolz sein! Fazit: Vorher Wundertüte, jetzt bin ich baff… Natürlich ist „Sword of Vengeance“ lang, breit und nicht immer rund, kompakt, perfekt. Alles andere als das. Aber wie weit die Serben hier über ihren Möglichkeiten spielen, ist schon erstaunlich. Sagenhaft! Was ein episches B-Movie-Bömbchen! Postapokalyptischer Exotenbonus. Das ist ein Kraftakt für das osteuropäische Kino, der sich über Jahre gezogen haben muss. Eine Machtdemonstration mit relativ wenig. Chapeau! Das muss ich honorieren! | |
sah diesen Film im Residenz, Köln | 23.09.2025, 03:27 |
Garstig gemächliche Gusle-Geschichtevon D.S. | Permalink |
Wikipedia sagt: „Die Gusle ist ein aus dem Balkanraum stammendes, traditionelles Streichinstrument“, welches mir vor Sichtung des Films nicht bewusst bekannt war, das dessen Erzählung zufolge allerdings über sehr interessante Spezialfähigkeiten verfügt. In der äußersten Rahmenhandlung dieser an Rahmenhandlungen und Storyebenen nicht armen Geschichte werden wir nämlich Zeuge, wie ein komplett in Bandagen verpackter, stummer Gusle-Spieler in einer Taverne im postapokalyptischen Wasteland eine Heldenlegende erzählt – ohne auch nur ein einziges Wort zu sprechen. Offenkundig ruft sein Instrument die entsprechenden Bilder hervor, die sein gewaltbereites Publikum fesseln und bändigen. Die Legende selbst, die uns dann auf einer anderen Erzählebene vermittelt wird, ist leider weniger spannend: Nach einer echt MAD MAX-igen Apokalypse ist die Menschheit in Stämme zerfallen. In ihrer ruinierten Welt zählen nicht mehr Öl und Benzin, sondern Getreide und seine Samen. Der Stamm, der sie bewacht, wird verraten und verkauft und schließlich ausgelöscht. Jahre (Jahrzehnte?) später macht sich ein Sohn dieses Stamms daran, die Verräter zu bestrafen. Und ein Schwert zurückzuerobern, das ihm einst versprochen wurde. Das war’s eigentlich auch schon, doch SWORD OF VENGEANCE wäre nicht, was er ist, wenn er diese Null-Story nicht auf volle 127 Minuten aufblasen würde. 127 Minuten, die erzählungsbedingt so schwerfällig verstreichen, als würde man heftig angetrunken eine Schnecke beobachten, die auf einer Schildkröte reitet. Hier wird eine maximal epische, in ihrem Gestus durchaus an HERR DER RINGE oder eben das genannte MAD MAX-Franchise gemahnende Erzählstruktur genutzt, um eine Handlung zu vermitteln, für die es nicht mehr als 20 bis 30 Minuten gebraucht hätte. Mit anderen Worten: SWORD OF VENGEANCE ist der langsamste Film nicht nur des 2025er-Jahrgangs, sondern vermutlich seit Bestehen des FFFs. Erstaunlich, wie viel Zeit man als Erzähler totschlagen kann, ohne inhaltlich tatsächlich irgendetwas zu erzählen. Zum Beispiel mithilfe von Konstrukten der Sorte „Story in einer Story in einer Story“, die ich prinzipiell ja liebe. Hier kommt ein solches jedoch offenkundig vor allem deshalb zum Einsatz, um zu verschleiern, wie dünn die eigentliche Geschichte ist. Abgesehen von dieser „Handlungsschwäche“ hat der Film aber zahlreiche weitere Probleme. Vielleicht an erster Stelle zu nennen ist das titelgebende Schwert selbst. Man erzählt uns, dass es ein extrem wertvolles Objekt sei, doch warum …? Nun ja, es wählt seinen künftigen Besitzer selbst aus: im Rahmen einer Schwert-Flaschendrehen-Session, die genauso aussagekräftig wirkt, wie es Flaschendrehen-Sessions bei x-beliebigen Partys sind. Dort sucht sich die Flasche ihren nächsten „Besitzer“ schließlich auch selbst aus. Was dieses sagenumwobene Schwert aber ansonsten kann – wenn es denn überhaupt etwas Nennenswertes kann –, erfahren wir nie. Sein Besitzer benutzt es zwar im Kampf. Allerdings wird uns nie vermittelt, dass er dadurch irgendwelche Vorteile hätte. Oder dass es überhaupt irgendeinen übergeordneten Grund gibt, so verzweifelt hinter der Klinge her zu sein. Vernachlässigen wir dies und sagen uns, ein anderer Filmtitel (und Fokus der Erzählung) könnte dieses offenkundige Problem schnell ausräumen, bleibt dennoch die Frage: Worum geht es in dieser unendlich ausgebreiteten Geschichte überhaupt genau? Will unser Protagonist schlicht das Schwert zurück, und das war’s? Will er als ein einziger mutiger Kämpfer eine korrupte, menschenfeindliche Diktatur in die Knie zwingen? Dann geht er das Ganze strategisch reichlich schwach an, denn er läuft meist einfach nur durch die Gegend und verbündet sich mit anderen Kämpfern, die ihm über den Weg laufen, oder bekämpft sie. Oder will er seine verschollene Schwester retten? Dann hätte er vielleicht vorher mal mit ihr abklären sollen, ob sie überhaupt gerettet werden will. Nein, erzähltechnisch überzeugt das Ganze leider nicht, was die bewusst (?) kompliziert gehaltene, verschachtelte Story-Struktur auf Dauer nicht verheimlichen kann. Hinzu kommt ein vermutlich budgetär bedingtes visuelles Problem: Sieht man einmal von der „Stadt“ ab, die zunächst zumeist von oben gezeigt wird, und deren von hunderten von herumhängenden Kabeln geprägtes, unterkühltes Erscheinungsbild durchaus beeindruckt, zerfließen die vordergründig ach-so-verschiedenen Handlungsorte zu einem nahezu einheitlichen, tristen, grau-braunen Matsch. Ermüdend. Was soll ich sagen: SWORD OF VENGEANCE kann einiges. Die Darsteller:innen agieren in den meisten Fällen erstaunlich überzeugend, die Atmosphäre ist überwiegend dicht, die Geschichte als solche grundsätzlich durchaus interessant genug. Aber eben nicht für wahnwitzige 127 Minuten. Dafür bekommen wir hier schlicht nicht genug geboten. Ohnehin wird der eherne Grundsatz „show, don’t tell“ gehörig missachtet: Der Film ist von Anfang bis Ende sehr geschwätzig. So etwas wie einen „Exotenbonus“ gibt es von mir nicht, zumal die serbische Filmindustrie seit Jahrzehnten beständig gute Leistungen abliefert. Dieses Ding ist dagegen nur das Werk eines sicherlich sehr euphorischen, jedoch ganz offensichtlich auf vielen Ebenen nicht ausreichend bemittelten „Fans“. Selbst, wenn man seine Zeichnung der verstrittenen Fraktionen aka „Stämme“ in ein und demselben Land, ja sogar derselben Stadt als Allegorie auf die Spaltung des ex-jugoslawischen Volks nach Tito lesen will: Mehr als 5 Punkte sind nicht drin. Aber irgendwo sind das ja auch schon überraschend viele für ein solches MAD MAX-Spektakel ohne Spektakel. | |
sah diesen Film im Harmonie, Frankfurt | 27.09.2025, 01:19 |
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