Karma is a Bitchvon D.S. | Permalink |
In Deutschland dürften die wenigsten Menschen den spanischen Film LA MESITA DEL COMEDOR aka THE COFFEE TABLE von 2022 kennen, da er hierzulande aus ungeklärten Gründen einzig bei den Hofer Filmtagen 2023 gezeigt wurde. Für den Genuss von Can Evrenols Version des Stoffes bei den White Nights ist das aber sogar vorteilhaft, denn je unbeleckter man an seinen TURKISCH COFFEE TABLE herangeht, desto effektiver dürfte der sein: Die Story entfaltet sich nämlich von Beginn an derart unerwartet (und psychisch schmerzhaft), dass man die volle Wirkung in der Magengrube wohl nur zu spüren bekommt, wenn man ihren Verlauf nicht bereits vorab kennt. Über den Inhalt des Films sollte deshalb auch so wenig wie möglich verraten werden. Nur so viel: Das ganze Drama beginnt mit einem Streit eines Ehepaares bei einem Möbelhändler, wo Ibrahim darauf besteht, einen sensationell scheußlichen Couchtisch zu kaufen. Obwohl seine Frau strikt dagegen ist. Nein: deswegen. Schließlich muss er ihr, sich selbst, der Welt beweisen, dass er noch einen Rest Kontrolle über sein Leben hat. Dieses Motiv zieht sich dann auch durch den Rest der Handlung, nimmt dabei aber so absurde wie verstörende Ausmaße an. Denn als bald darauf ein Unglück geschieht, das derart unglaublich ist, dass es Ibrahim schier seelisch zerstört, versucht er verzweifelt, die Situation zu ignorieren, sie zu verbergen, Herr der Lage zu bleiben. Das Geschehen entfaltet sich so einerseits tief sarkastisch und bitterböse, lässt sich andererseits aber auch als erstaunlich tiefgründiger Kommentar auf unser präferiertes Selbstverständnis bzw. unsere Selbstdarstellung als „kompetenter Macher“ lesen. Was in den Händen anderer Regisseure vermutlich als schwarze Komödie voller bunter Charaktere geendet wäre, geht bei Can Evrenol in jeder Hinsicht in die Vollen. Zwar weniger blutspritzend als in seinen sonstigen Werken. Aber mindestens genauso grotesk, intensiv und schmerzhaft. Gute 7 von 10 Punkten. | |
19.01.2026, 18:36 | |
The Turkish Glasstable Massacrevon Leimbacher-Mario | Permalink |
Das Original von 2022 fliegt immer noch irgendwo unter dem Radar und war ein dermaßen bitterböser Schocker aus Spanien, dass man fast unbedingt von schwarzem Humor sprechen und sich etwas in ein ungläubiges Lachen retten musste, um das einzuordnen, zu verarbeiten, sacken zu lassen. Erst recht als Vater. Definitiv kein Film, den man schnell vergessen oder aus den Knochen hatte. Da schwitzten die Hände, da ging mein Puls schneller, da staunte ich nicht schlecht. Nun kommt relativ zügig das erste internationale Update des Themas, Can Evrenols türkisches Remake, bei dem besonders spannend war, wie dunkel, humorvoll und auch explizit (!) der türkische „Schlachtermeister“ („Baskin“, „Sayara“) in seiner Version vorgehen würde… Auch hier geht’s wieder über ein Pärchen, ihr Baby und einen wackeligen, extrem kitschigen Couchtisch… Auf Glastischs Schneide Auch das spanische Original hat schon ein gewisses Augenzwinkern, um wie gesagt der Situation auch nur ansatzweise Herr zu werden. Evrenol dreht den Humorpegel und die Absurditäten aber deutlich höher und platziert seinen türkischen Kaffeetisch zwischen Screwballkomödie aus der Hölle, Kammerspiel aus dem Abgrund und Improtheater mit dem schwärzesten Humor, den man sich ausmalen kann. Umso weniger man weiß, desto besser. Die Punchline sitzt jedes Mal. Das Kino war geschockt, fasziniert, berauscht und humortechnisch aus dem Häuschen. Selbst wenn einigen dabei natürlich das Lachen im Halse stecken bleibt. Aber das Gro des Fantasy Filmfest-Publikums konnte damit gefühlt schon gekonnt und amüsiert umgehen. Das Ende changiert für mich zwischen Konsequenz, Sauberkeit und Fluchtreflex. Und dass Evrenol die ganze Story und die Ausgangslage scheinbar nie wirklich ernst nehmen konnte, kann ich ihm gar nicht verübeln. Es ist einfach zu heftig… Einige Vorurteile von Ehe und Paardynamik, Schuld und Vergebung, Vaterschaft und Grauen stecken tief drin. Ein paar türkische Themen und Gepflogenheiten werden zwischengesteckt. Wie würde wohl eine deutsche Version mit M'Barek und Jasna Fritzi Bauer aussehen? Ach lassen wir das komische Gedankenspiel… „The Turkish Coffee Table“ gleitet jedenfalls exzellent am Rand des guten Geschmacks entlang, geht über einige Tabus tadellos mit dem dicken Radierer rüber und kann nahezu auf Augenhöhe mit seinem Vorbild stehen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, das hätte ich so nicht unbedingt gedacht. Und dafür gönne ich Evrenol jeden Applaus! Wie der Vater so der Hohn Fazit: Härter, flotter, plakativer. Aber auch lustiger und kurzweiliger. Feiger? Vielleicht. Ich persönlich würde das dramatischere und düsterere, sensiblere (!) Original glaube ich minimal vorziehen. Aber auch Evrenol ist eine bitterböse, mutige und pechschwarze Schockergrotseke gelungen, die zwischen Crowdpleaser, Lachanfall und Sprachlosigkeit spielend hin- und herschwingt wie ein Pendel des Todes in einem väterlichen Alptraum. Unvergesslich! | |
sah diesen Film im Residenz, Köln | 25.01.2026, 23:40 |
So finster die Kaffeetisch-Schlachtvon die_Lachsschaumspeise | Permalink |
Can Evrenols finster-schwarzhumorige, grotesk-grenzdebile Sozial-Komödie "The Turkish Coffee Table" war im Frühjahr der mit Abstand allerbeste Film der White Nights 2026. Ein schwer mit anzusehendes, kaum auszuhaltendes, zwischen Farce, Satire und Karikatur pendelndes Meisterwerk. Und wenn man schon vorher weiß, auf welcher absurd-aberwitzigen Grund-"Idee" dieses bittere, grausam-gemeine Spott-Stück beruht, dann sind all die Anspielungen, die schon vor dem Eintreten der absoluten Katastrophe gemacht werden, natürlich nochmal weniger erträglich, und kaum zu erdulden. Und sobald der frisch gebackene Familienvater Ibrahim, der von seiner Ehefrau Zehra immer nur bevormundet wird, und sich unfähig sieht, seine inneren Konflikte vernünftig-verbal mit ihr auszutragen, sich das eine und einzige Mal gegen ihren Willen durchgesetzt, und das potthässliche Glas-Kaffeetischlein im Wohnzimmer der gemeinsamen Mehr-Etagen-Wohnung aufgebaut hat, und sich ereignet, was sich eben ereignen muss, da weiß man dann kaum noch, wie Einer:Einem geschieht. Man möchte, nein, man muss lachen, um diesen übermächtig-niederpressenden Druck abzubauen - Aber man kann nicht lachen. Sieht sich außerstande, ein ebensolches, für gewöhnlich ja auch befreiend-karthatisch wirkendes Lachen erklingen zu lassen. Dafür ist das Geschehene einfach zu fundamental alles Andere außer Kraft setzend. Und gelingt Evrenols Film sein perfidester Schachzug: Für die restliche Dauer seiner Laufzeit sind wir mit Ibrahim zusammen dazu verdammt, all das, was sich um ihn herum ereignet - Wie seine Ehefrau heimkommt, und Essen zubereitet, der Besuch seines Bruders und dessen Freundin, die Quengeleien der in ihn verliebten Nachbarstochter, und und und - zu ertragen, und auszuhalten. Immer in dem geheimen Wissen, dass durch das Vorher sich zugetragen Habende all dies längst schon hinfällige Makulatur, rein vergebliche Fassade, nurmehr bloße hohl gewordene Simulation eines irgendwie "normalen" Lebens geworden ist. Und die Art und Weise, wie Hauptdarsteller Alper Kul diese innere Erstarrung, dieses allmähliche eigene Absterben mit leichenblasser Miene, mit versteinerten Gesichtszügen und leerem Blick nicht nur einfach darstellt, sondern wortwörtlich verkörpert, wie er dennoch immer noch eine Art Rest-Fassade aufrechterhält, obwohl das, was durch seine Unachtsamkeit und Verschulden sich zugetragen hat, doch nie mehr gutzumachen oder aus der Welt zu schaffen sein wird, das ist unfassbar kongeniale Schauspielkunst auf wirklich allerhöchstem Niveau! Jetzt schon ein contender fürs achievement in acting in a main role meiner persönlichen Jahresbesten-Liste! Und der Film als solcher eine bitterbös-makabre, schwer erträgliche und tonnenschwere Bestandsaufnahme einer eigenen innerlichen Höllenfahrt, wie man sie so noch nicht gesehen hat - höchstens im spanischen Original, das ich aber bislang nicht kenne. Ein unverdaulich schwerer Brocken, der noch lange nach dem Verlassen des Kinos im Magen liegt, und in Gedanken bleibt. Und die Moral von der Geschicht': Abgrundtief hässliche, geschmacklos-unnütze Glas-Dekors, die kauft man nicht! | |
sah diesen Film im Savoy, Hamburg | 26.04.2026, 18:10 |
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