The Vile

Vielehe, viel Horror

von D.S.
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Einen Genrefilm aus den Vereinigten Arabischen Emiraten bekommt man nicht oft zu sehen, einen derart gelungenen erst recht nicht. Beim Fantastic Fest als „Best Horror Film“ ausgezeichnet, nutzt er einen für westliches Publikum ungewohnten thematischen Aufhänger: die Vielehe. Amani führt ein glückliches Leben mit ihrem Mann Khalid und der gemeinsamen Tochter Noor, bis Khalid eines Tages mit der jungen Zahra vor der Haustür steht und erklärt, diese sei seine zweite Frau und werde ihm demnächst ein Kind gebären, hoffentlich den ersehnten Sohn. Das Leben von Amani zerbricht, Noor wird wegen ihrer offensichtlich „unwürdigen“ Mutter zum Mobbingopfer ihrer Mitschülerinnen, Zahra gaslighted Amani und versucht, sie aus der Familie zu drängen.

Was in sich bereits als starkes soziokulturelles Statement beeindruckt, als Anklage eines patriarchalischen Systems, in dem einzig die Wünsche des Mannes zählen, wird zu handfestem und wirkstarkem Grusel, als es im Haus zu paranormalen, unheimlichen Ereignissen kommt – und die Erzählung im letzten Drittel schließlich vollends in eine vielschichtige surreale Albtraumwelt eintaucht, die ernsthaft verstören kann.

Dabei besticht das auf 16mm-Kodak-Film gedrehte Werk mit herausragenden visuellen Ideen und sorgfältig arrangierten Einstellungen, die uns aufs Genaueste nachempfinden lassen, was die Figuren gerade erleben und fühlen. Einzelfällen von Overacting zum Trotz: Ein großartiger Vertreter der raren Spezies von Filmen mit klarer, wichtiger Message, die gleichzeitig als lupenreiner Horror funktionieren. 7/10 Punkten.
D.S.

21.03.2026, 18:37


Alle sind gleich… nur Männer sind ein bisschen gleicher!

von Leimbacher-Mario
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„The Vile“ aus Saudi-Arabien spricht glasklar urwüchsige Probleme im eigenen Land an und bezieht mutig Stellung zu Vielfrauentum, Patriarchat und tiefstsitzende, gesellschaftliche (Un-)Gleichberechtigung, wenn er eine Ehefrau und Mutter mit der neuen, zweiten Frau im Haus konfrontiert, die weit düsterere Kräfte mit sich bringt als „nur“ Eifersucht, Fruchtbarkeit und Liebesteilung…

Minarette als Phallussymbole

Vom Kopftuch über staatlich-gepflasterte Männervorteile bis zum Vielfrauentum - seien wir ehrlich, vieles aus Arabien und dem Islam erscheint uns auch noch nach Jahrzehnten der Annäherung befremdlich und entgegen jahrhundertelangen Gesellschafts- und Geschlechterentwicklungen in unseren eigenen Breitengraden. So sehen wir Frauen nicht, so behandeln wir Frauen nicht. Aber andere Länder, andere Religionen, andere Sitten und andere Ansichten. Dagegen machste nix, grundlegende Veränderungen müssen, wenn dann von innen aus der betroffenen Gesellschaft kommen, ganz sicher nicht von außen gepredigt oder gar übergestülpt werden. Aber ein Film wie „The Vile“ zeigt ganz eindeutig, dass sich in diesen Sachen etwas tut, dass arabische Frauen für ihre Rechte und ihr Glück kämpfen, dass egoistischen Männern dort der Spiegel vorgehalten wird. Dass man nicht Wasser predigen und Wein trinken kann, dass man nicht sagen kann, alle wären gleich und dann Frauen austauscht und behandelt wie Mobiliar. „The Vile“ kombiniert diese wütende Anklage mit einer versierten Geistergeschichte und emotionalen Familienbruchstellen. Dazu unverbrauchte Gesichter, ein paar echt böse Setpieces und eine frische, exotische Aura, da man allzu viel aus Saudi-Arabien im Genrebereich ja auch nicht zu sehen bekommt. Geschweige denn Gutes. Aber „The Vile“ ist eine Ausnahmeerscheinung. Technisch, thematisch, territorial. Einzelne Versatzstücke wären nur Durchschnitt. Zusammen macht das etwas her.

Fazit: Creepy, kraftvoll, kritisch. So mag ich meine Frauenpowergrusler! Ein starker, kämpferischer und hoffnungsvoller Vertreter aus Arabien!
Leimbacher-Mario
sah diesen Film im Residenz, Köln

19.04.2026, 17:54




Alle Bewertungen im Überblick:
D.S.
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cthulhu314
Necromant777
Wishbringer
MrRossi
Torsten Ketelsen
Yavannah
Mercy-Sky

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